Karnation Begegnungen im Blumenladen Wolf Klein

 

Kann die Ware Fotografie-der-Blume als Ware funktionieren? Das ist die Primär-Ebene des Blumenladens, die direkte Begegnung. Entstanden ist aber auch eine Meta-Erzählung. Die wirklich reiche Ernte ist eine Sammlung an Geschichten, kleinen Begegnungen ganz unterschiedlicher Welten, zwischen-menschlich, inter-subjektiv, manchmal schmerzhaft, manchmal banal und dröge. Und auch so absurd und reichhaltig.


Seit Mai 2004 erscheinen ausgewählte "Begegnungen im Blumenladen" als regelmäßige Kolumne in Balkon&Garten.

Und zwischendurch auch als "Zwischendurchbloggen" im Beton&Garten.

Und eine schöne Auswahl findet sich in der zweiten Ausgabe von dncht.

Und jetzt auch das Buch.

 

 

21. April

 

Seit zwei Jahren stehe ich im Blumenladen, oder sitze, bei schönem Wetter, vor dem

Blumenladen auf einer Bank. Und es gibt ein paar Menschen, die kommen tagtäglich am

Blumenladen vorbei. Wie kleine Monde ziehen sie ihre festgelegten Bahnen um ihren

Lebensraum. Die meisten laufen nicht sehr schnell, sie haben ihr ganz eigenes Tempo,

sie müssen nicht in kürzester Zeit ein Ziel erreichen, es geht wohl vielmehr darum,

gleichmäßig in Bewegung zu sein. Ein ritualisierter Ablauf, eingelaufen in vielen Jahren

gleichförmiger Bewegung.


Eine dieser unfreiwilligen Blumenladen-Trabanten ist eine ältere Frau, auffallende Ähnlichkeit

mit der späten Hildegard Knef, als verarmte Variante. Sie trägt eine große, getönte Brille,

die das Gesicht flächig verdeckt, eine rötlich-braune Perücke mit glatten Haaren, eine

beige Kostümjacke, eine graue Hose und sie läuft an einem Stock in ihrer rechten Hand.

Sie geht sehr langsam. Ihre Erscheinung ist ärmlich doch würdevoll. In ihrer linken Hand hält

sie eine dieser ausziehbaren Hundeleinen. Am vorderen Ende der Leine läuft ein kleiner,

struppiger Hund, das ehemals schwarze Fell altersgrau.

 

Tag um Tag kommt dieses Gespann am Blumenladen vorbei. Und in all der Zeit habe ich

noch nie eine Regung im Gesicht der Frau erkennen können. Sie geht, führt ihren Hund und

sich selbst spazieren. Und ich frage mich manchmal, was diese Frau wahrnimmt, in welcher

Welt sie lebt, was sie denkt.


Anfang des Jahres hat der Hund begonnen, regelmäßig direkt in die Ecke der Eingangstür

des Blumenladens zu pinkeln. Dann entstand immer eine gelbe Pfütze direkt vor der Tür.

Und ich begann zunehmend, mich zu ärgern, malte mir in Gedanken aus, dass ich die blöde

Töle das nächste Mal treten würde, dass sie weit weg flöge und nicht mehr in die Nähe

der Tür, meiner Tür, käme. Oder ich würde die Tür aufreißen und die Frau anbrüllen, ob das

denn sein müsse, ob sie den Hund nicht mal davon abhalten könne, meinen Laden zu

bepissen, ob sie denn überhaupt irgendetwas mitbekäme.


Ich habe al l das nicht getan. Ich habe die Flecken weggeputzt, mit heißem Wasser,

Reinigungsmittel, Spiritus und Alkohol. Das sollte den Hund abhalten, er sollte sich eine

andere Ecke aussuchen. Und das hat er wohl auch getan, die gelben Flecken

sind verschwunden, zumindest im Moment.


Heute Nachmittag saß ich wieder auf der Bank in der Sonne und aß mein Pausenbrot.

Die Frau mit Hund kam wieder vorbei. Diesmal blieb der Hund vor mir stehen und

schnupperte, wollte etwas abhaben von meinem Brot.

Die Frau sprach zu ihm: „Na, du bekommst doch zu Hause genug Futter." Und ging

weiter. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen, drehte sich zu mir um, wünschte

mir guten Appetit, und lächelte.

 

die Blumendichterin

 

Letzte Woche war die Blumendichterin mal wieder im Blumenladen. Eine sehr

eindrucksvolle Frau im mittleren Alter, was das auch immer heißen mag.

Manchmal besucht sie mich im Blumenladen und ich erinnere mich noch immer gerne

an unsere erste Begegnung vor ungefähr zwei Jahren. Damals war es auch gerade

Frühling geworden. Sie sagte, sie hätte von meinem Blumenladen gehört. Und sie habe

gerade einen ganzen Gedichtband über Blumen gemacht. Für jede Blume ein Gedicht.

 

Und sie erzählte mir, dass die Menschen sie immer fragten, was sie denn an den

Blumen interessiert. Und sie antworte dann immer, dass sie sich gar nicht für die Blumen

interessiere. Sie sei Dichterin. Und einer Dichterin gehe es um die Worte. Sie habe mal

ein Gedicht über den Tod geschrieben, und die Menschen waren dann sehr berührt

und haben gefragt, warum sie sich für den Tod interessiere. Aber eigentlich interessiere

sie das gar nicht. Sie hätte viel lieber ein Gedicht geschrieben über das Müllruntertragen.

Aber die Menschen interessieren sich nicht für ein Gedicht über das Müllruntertragen.

Deshalb hat sie halt ein Gedicht über den Tod geschrieben.

 

die Japaner

 

Gestern war der Referent für Marketing im Blumenladen. Wir hatten einen Termin

vereinbart, er wollte sich den Blumenladen mal anschauen, weil er gut findet, was ich

da mache. „Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich finde das gut, was Sie da machen."
Der Marketingreferent fährt ein großes Auto und hat ein Navigationssystem.
Damit er den Blumenladen auch findet. Er trägt ein hellblaues Hemd und eine sommerliche

Tuchhose. Er ist gebräunt und sehr dynamisch. Und er spricht Bayerisch.

Er spricht mehr Sätze in einer Minute, als ich in einer Stunde denken kann. Und er ist

dabei sehr konzentriert. Er kommt auf die Minute pünktlich. Und er sieht die ganze Welt

durch seine rosa Brille.


Er möchte, dass ich ihm erkläre, was ich hier mache. „Nun erklären Sie mir mal, was Sie

hier machen." Während ich ihm erkläre, produziert sein Hirn Marketingideen. Er hat wenig

Zeit und viele Termine. Nachdem ich ihm erklärt habe, macht er Marketingvorschläge. Er hat

fünf Vorschläge, die ihm hier spontan eingefallen sind. „Ich mach Ihnen mal fünf Vorschläge,

die mir hier so spontan einfallen." Internet, eine Busrundfahrt, Karten bedrucken, Fotografen

treffen und die Japaner. „Hatten Sie schon mal Japaner hier? Ich könnte mir vorstellen, dass

es den Japanern hier gefällt. Den Japanern mit ihrer artifiziellen Ästhetik könnte das gefallen,

kann ich mir vorstellen."


Dann muss der Marketingreferent wieder los. Er muss noch die Staatssekretärin und die

Ministerin treffen. Wo kriege ich denn jetzt Japaner her?

 

Lange Nacht

 

Die Lange Nacht der Museen in Berlin - zweimal im Jahr ein Ereignis. Irrsinnige

Menschenmassen schleppen sich durch die Nacht, von Museum zu Museum.

Mein Freund, der Stadtplaner, spricht von der Festivalisierung der Innenstädte.

„Ja, man muss den Menschen etwas bieten. Und dann interessieren sie sich auch

für die Kunst." „Und man kann ein großes Publikum erreichen."

 

Deshalb habe ich auch schon an einer Langen Nacht teilgenommen. Mit einem

Blumenladen-Sonder-Marktstand im Schloss Charlottenburg. Mit vielen engagierten,

motivierten Künstlern zusammen. Wir haben wochenlang geplant und konzipiert

und vorbereitet. Und ich habe einen wunderschönen kleinen Marktstand aufgebaut,

mit vielen Blumenladen-Blumen. Das Stück für 7 Euro. In Charlottenburg, da wohnen

ja die solventen Berliner. Und dann war es endlich soweit. Eine heiße Nacht im

August. Das Schloss Charlottenburg öffnete seine Türen und die Besucherscharen

strömten. Tausende. Die ganze Nacht.

Es kamen alle, die noch nie in einem Museum waren. Sie haben zu Hause noch

die Sportschau geguckt, und dann waren sie halt mal zur Langen Nacht der Museen

gegangen.

„So eine Karte soll 7 Euro kosten, das sind ja 14 Mark. Wer soll das denn kaufen?"


„Ach, die Bilder sind alle handgemalt?"
„Nein, die sind fotografiert."
„Und dafür wollen Sie 7 Euro haben?"


„7 Euro wollen Sie für ein Rosenfoto? Das kann ich doch auch selbst fotografieren."


„Das kauft doch kein Mensch."


Das kaufte dann auch tatsächlich kein Mensch. Dafür schleppten alle Yoghurt und

Buttermilch mit sich rum. In blauen Bechern. Denn vor der Tür stand ein

Yoghurtfabrikant mit einem riesigen Lastwagen und verteilte großzügig seine

Erzeugnisse. Und die häufigste Frage der Nacht war: „Habt ihr hier irgendwo einen

Mülleimer für die Becher?" Nein, den hatten wir nicht.

 

23. Januar 15.50

 

Zwei türkische Jugendliche kommen in den Blumenladen. (Türkische Jugendliche sind

in Berlin-Friedrichshain sehr selten. Man weiß nicht, wo diese beiden herkommen.)

 

Mensch 1: „Wir wollen nur mal gucken."

Blumenhändler: „Ok."

Mensch 1: „Sind das alles Fotos?"

Blumenhändler: „Ja, das sind alles Fotos."

Mensch 2: „Also, Fotos, so richtig geschossen, oder gemalt?"

Blumenhändler: „Schon richtig fotografiert."

Mensch 1: „Ey, du bist so doof, Alter."

Mensch 2: „Was denn? Riechen die denn auch? Es gibt doch solche, die riechen?"

Blumenhändler: „Nein, die hier riechen nicht."

Mensch 1+2: „Na gut. Tschüss."

Blumenhändler: „Tschüss."

 

Der Blumenladen unterwegs. Ein Reisebericht.

 

Immer nur in der Metropole rumsitzen und warten, dass die Menschen in den Blumenladen

kommen, ist auf Dauer auch langweilig. Gedenkend des Spruches vom Berg und dem

Propheten, packe ich den Blumenladen also ein und fahre in die Provinz. Nach Saarlouis,

in den südwestlichsten Zipfel des Landes. Mutter sagt, unter Hitler hieß das noch Saarlautern.

Die großen Blumenladenteile hat eine Spedition abgeholt, mit den kleineren im Koffer

sitze ich im ICE.


Zehn Kilometer vor Göttingen springt ein Mensch von einer Brücke vor unseren Zug.
Der Zug braucht dreieinhalb Minuten, um zum Stehen zu kommen. Dann stehen wir zwei

Stunden. Blauer Himmel, sanfte Hügellandschaft in der Mittagssonne, goldene Felder

und eine gelbe Blume am Bahndamm. Ein Mensch ist tot, hunderte sitzen rum und warten.

Man sagt, es kann Stunden dauern bis zur Weiterfahrt. Es kommt darauf an, wann der

Staatsanwalt die Strecke wieder frei gibt. Viele Meinungen, viele Vermutungen, keiner

weiß was.

 

Dann hält ein anderer ICE neben uns und wir werden evakuiert. Der Notfallmanager

regelt das. Wir sollen sitzen bleiben und Ruhe bewahren, bis wir persönlich zum Umsteigen

aufgefordert werden. Nach einer weiteren Stunde sind wir alle evakuiert. Der Notfallmanager

bedankt sich. Es gab keine Verletzten bei der Evakuierung. Als wir losfahren, sehen wir

die Beule an der Zugspitze.


Elfhundertfünfzig Nägel und drei Tage später ist der Blumenladen - Filiale 1 fertig aufgebaut

im Museum. Eröffnung. Ein Riesenerfolg, große Begeisterung. Lob und Anerkennung.
„Eijo, das do is doch e mo e schenie Idee."
„Ei das do dot mir total gut gefalle."
„Das is doch e mo was anneres."
„Das is net wie das Zeisch, das ma do sunscht sieht."

 

die Psychoanalytikerin

 

Große Aufregung. Die Psychoanalytikerin kommt in den Blumenladen. Genau genommen,

läuft sie ganz zufällig durch den Blumenladen durch; sie hat einen Termin bei meiner

Kollegin im Nachbarraum. Aber, wo sie nun schon mal da ist, guckt sie sich den

Blumenladen auch an. Obwohl sie ja eigentlich gar keine Zeit hat. Sie ist nicht irgendeine

Psychoanalytikerin, sie ist sehr beschäftigt, sie gibt Kurse und hält Vorträge. Sie ist sehr

berühmt; in ihrer Welt.


Wenn eine Psychoanalytikerin im Raum ist, fühlt man sich sofort analysiert. Was mag

sie wohl über mich denken? Und was sieht sie, was mir selbst verborgen bleibt? Und welche

Erkenntnisse zieht sie daraus? Jede Bewegung und Nichtbewegung ist plötzlich

symbolträchtig.
Mein Therapeut sagt immer, Psychoanalytikerinnen tragen ganz zickige Schuhe, daran kann

man sie erkennen. Und die mit den Doppelnamen sind die schlimmsten; Schnelle-Schneider

oder Schmargenbach-Traunstein oder Mayenrieder-Neudorff. Oder so.


Die Psychoanalytikerin trägt rote Schuhe mit goldenen Stickereien. Und eine große

Handtasche. Und nun steht sie da und schaut sich im Blumenladen um. Und sie beschließt,

eine Blume zu kaufen.
Aber welche? Es gibt 1719 Möglichkeiten zur Auswahl. Das will genau überlegt sein.

Schließlich muss das Bild allen Bedeutungsebenen, Symbolen und bewussten und

unbewussten Interpretationen standhalten. Das ist nicht einfach. Auch die Frage, wo im

Raum das Bild hängt, will bedacht sein. Und warum es gerade da hängt. Und warum

die Blumen an der linken Wand eher gekauft werden, als die an der rechten. Und würde die

Blume, wenn sie woanders hinge, mehr auffallen oder weniger auffallen? Und welche

Blumensorte soll sie auswählen? Von wegen, eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Die Symbolik der Blume schwingt mit, und muss aus den feuchten, dunklen Kellern des

Unbewussten befreit werden, um voll im Glanz der bewussten Entscheidung des freien

Willens erstrahlen zu können. Ist gerade diese Blume ein Symbol für langes Leben?

Körperliche Unsterblichkeit? Geteilte Ur-Einheit? Magische Kräfte, Heilkunst, Weltenei,

Gebärmutter? Heil und Gottes Segen? Fruchtbarkeit, Reife? Leere getäuschte Hoffnung?

Emporkömmling? Dummheit?


Die Psychoanalytikerin entscheidet sich für eine pralle, dicke, rosafarbene Knospe einer

Pfingstrose. Kurz vor'm Erblühen, mit aller eingeschlossenen Potenz und allen möglichen

Möglichkeiten, die zur Entfaltung kommen könnten. Dieses Bild hat noch nie jemand gekauft.

 

Frühling im Blumenladen

 

Zwei Mädels kommen in den Blumenladen, jugendlich, postmodisches Antistyling.

Sie 1: „Schau mal, das Gemüse da oben sieht aus wie eine Muschi."

Sie 2: „Na, ich weiß ja nicht, wie deine Muschi aussieht."

Hysterisches Gelächter, dann gehen sie wieder.

 

Post

 

Dank moderner Kommunikationsmittel trifft die elektronische Blumenladenfanpost

inzwischen sackweise im Blumenladen ein.

F. aus Düsseldorf zum Beispiel schreibt: „Hallo Wolf, die Welt ist klein und ich hoffe,

du erinnerst dich noch an mich. Bin gerade über deine hp gestolpert, habe mich gefreut,

was von dir und dich zu sehen und kenne den Friedensläufer! Er stand vor ein paar

Monaten auch bei mir - bzw. bei meinem Büro - vor der Tür, zeigte Zeitungsartikel und

wollte Geld. Er war recht hektisch, ein wenig nervig und weniger freundlich als ich ihm

sagte, ich hätte keins. Nun ja."


Frau S. B. aus W. schreibt: „Hallo Herr Klein, bin auf Ihren Blumenladen aufmerksam

geworden und ich möchte Ihnen einfach nur sagen, wie klasse ich diese Idee finde.

Leider wohne ich etwas weiter von B. entfernt, aber wenn ich mal wieder nach B. komme,

stehen Sie auf meiner Liste der zu erledigenden Sachen ganz oben." ( Wie sie das mit

dem Erledigen wohl meint? ) „Immer wieder gucke ich mir die Bilder an, die Sie auf Ihrer

hp haben, und ich finde die Idee so super, dass ich mich immer wieder aufs neue

dran erfreuen kann."


Und Frau E. B. aus D. schreibt: „Hallo! Ich finde die Idee grandios, auf so etwas würde

ich nie kommen. Es ist schade, dass es offenbar doch so viele Menschen gibt, die keinen

Sinn für solche Dinge haben, denen die Vorstellungskraft für das fehlt, was eigentlich

dahinter steckt."


Und aus dem tiefen Süden schreibt Herr M. aus T.: „Hallo Wolf, ich finde das ganz toll,

was du da auf die Beine gestellt hast. Ich kann mir vorstellen, dass viele Besucher nicht

wissen, ob sie das ernst nehmen sollen. Man muss sich auch fragen, ob man wirklich ernst

genommen werden will? Da ist man vielleicht in ganz schlechter Gesellschaft. Ich denke

da nur an die Machenschaften der Chemieindustrie, der Politik, der Medienwelt etc. Da müsste

man sich auch fragen: Soll ich das wirklich alles ernst nehmen? Jedenfalls mach weiter so!

Ich habe auch eine kleine Bild-Blumen-Vergangenheit: Vor ein paar Jahren war meine Frau mal

schwer krank. Nach zwei Wochen Koma habe ich sie auf der Intensivstation besucht, und

natürlich keinen 'echten' (was ist echt ??) Blumenstrauß reinbringen dürfen.

Da habe ich mit der Polaroid eine rote Rose geknipst und auf einem Draht befestigt und

mitgebracht. Diese ‚Blume' gibt's noch immer in unserer Wohnung. Sie welkt ganz langsam.

Meine Frau hängt daran, aber mich erinnert sie an unsere schwerste Zeit."

 

Bullau 

 

Ich habe ein Buch gelesen ‚Bullau - Versuch über Natur'. Vielmehr ein Büchlein, einhundertsiebenundzwanzig Seiten, durchschnittlich zweihundertelf Wörter pro Seite; ein kleiner Text, ein Textchen. In dem Buch laufen zwei Menschen durch die Natur und fragen sich, was Natur ist. Und sie finden keine richtige Antwort, denn sie suchen keine Antwort. Es geht nicht um das Irgendwoankommen sondern um das Unterwegssein, wie beim Spaziergang halt auch.

 

Währenddessen benennen sie alles, was sie sehen und hören und riechen; Ehrenpreis, Seifenkraut, Birnbaum, Kirschbaum, Apfelbaum, Pirol, Hechelgelbling, Lümmeldolde, Kleiber, Mönchsgrasmücke, Eule, Drossel, Dachs, Rotkehlchen, Blaumeise, Grünling, Heidelerche, Heckenbraunelle, Bläßhuhn, Buschwindröschen, Frühlingsfingerkraut, Hornklee, Wiesenwitwenblume, Lichtnelke, Miere, Butterblume, Immergrün, Waldgelbstern, Günsel, Gundermann, Hirtentäschel, Huflattich, Goldhähnchen, Yorkshireterrier.

Der Yorkshireterrier fällt raus, aber das ist hier egal. Es geht nämlich auch noch um das Tagebuch von Wilhelm Raabe. Das war wohl ein verschrobener Schriftsteller aus dem vorvorigen Jahrhundert. Und der kam in seinem Tagebuch ohne Gedanken aus und hat einfach aufgeschrieben, was er gearbeitet hatte, wie er geschlafen hatte, wen er getroffen hatte, was er gegessen hatte und wie das Wetter war. „Er konnte immer nachschauen, was er, sagen wir, am fünften September achtzehnhundertsechsundachtzig gegessen hatte und wie das Wetter war." Und außerdem sei dieser Schriftsteller nervös und schwermütig gewesen. Und Schwermut und Sehnsucht haben die gleichen Vokale. Und Demut auch.

 

Und ich habe den Blumenladen geschlossen. Am einunddreißigsten August haben wir noch ein schönes Abschiedsfest gefeiert und uns nach viereinhalb Jahren von der Jungstraße verabschiedet. Und nun sind wir dabei, die Räume zu räumen. Und das heißt nun auch, dass es keine Begegnungen im Blumenladen mehr gibt, weil es keine Begegnungen im Blumenladen mehr gibt, weil es keinen Blumenladen mehr gibt. Vorerst. Vielleicht gibt es ja bald wieder einen Blumenladen, dann gibt es vermutlich wieder Begegnungen im Blumenladen und dann gibt es ganz sicher wieder Begegnungen im Blumenladen. Oder es gibt Begegnungen ohne Blumenladen. Dazu müsste es allerdings Begegnungen ohne Blumenladen geben.

 

(Andreas Maier / Christine Büchner, Bullau - Versuch über Natur, Heinrich&Hahn,

Die Grüne Reihe)

 

Im Blumenladen, Mittwoch, 18.30

Sie kommt in den Laden, Tränen in den Augen: „Hallo Wolf, wie geht es dir?"


„Mir geht's gut, aber dir wohl nicht so."

 

Sie: „Meine Großmutter ist gestorben. (Weint) Und ich war nicht da. Ich habe es jetzt erst erfahren, als ich meine Schwester angerufen habe. Ich habe kein Telefon. Meine Großmutter ist gestorben - und ich war nicht da. Ich mache mir solche Vorwürfe. Sie ist ganz friedlich im Schlaf gestorben. Sie hatte keine Schmerzen. Und sie war ja auch schon alt. Aber ich war nicht da. (Weint)

 

Ich fühle mich so allein. Sie ist gestorben, zwei Tage bevor meine Schwester ihr Kind bekommen hat. So ist das Leben. Kommen und Gehen ganz nah beieinander. Ich bin so müde. Ich ziehe immer das Unglück an. Ich muss immer kämpfen. Warum muss ich immer kämpfen? Warum habe ich nicht mal Ruhe? Warum das alles? Dieses Scheißleben. Ich bin so müde. Ich kann nicht mehr.

 

Es tut mir leid, dass ich dich belästige. Ich musste jetzt einfach aus meiner Wohnung. Und ich habe niemanden. Keine Freunde hier. Ich hatte eine Freundin. Die hat sich einfach verpisst. Ist einfach abgehauen aus dieser Scheißstadt. Abgehauen nach Frankfurt. Als ob es dort besser wäre. Ich hatte Angst, in meiner Wohnung zu bleiben. Ich kriege diese Anfälle häufiger, wenn ich mich aufrege. Bisher hat mich immer jemand gefunden. Und ich kann mich nie bei diesen Menschen bedanken. Ich wache immer erst im Krankenhaus auf. Ich lerne meine Lebensretter nie kennen. Ich kann mich nie bei ihnen bedanken. Bisher ist es immer gut gegangen. Sie haben es immer richtig gemacht. Es ist wichtig, dass man mir dann etwas zwischen die Zähne steckt. Und den Mund freihält.

 

Ich muss irgendwie das Geld zusammenkriegen und zur Beerdigung fahren. Mit der Mitfahrzentrale. Wenigstens zur Beerdigung muss ich hin. Meine Geschwister kommen auch. Der Tod ist der einzige Anlass, der uns zusammenbringt. Die Familie ist wichtig für mich. Wenigstens bei der Beerdigung will ich dabei sein. Sie wird auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Ich bin Jüdin. Es tut mir leid, dass ich dich damit belästige. Es tut so gut, mit jemandem zu reden. Meine Schwester sagt, ich soll bei ihr leben. Aber das ist ein arabisches Land. Ich habe doch dort keine Chance als lesbische Frau. Warum muss ich immer kämpfen? (Weint) Karma, klar. Aber ich habe doch nichts getan. Ich will doch nur ein bisschen Ruhe und Frieden. Was habe ich denn getan? Das Unglück ist mein Schatten. Ich bin so müde. Das kostet soviel Kraft.

 

Ich bin Masseurin. Keiner will mich hier mehr einstellen. Ich stehe jeden Morgen auf und mache mich auf die Suche. Frage überall. Und alle sagen, sie brauchen niemanden. Ich nehme 50 Euro für eine Massage. Aber ich lasse mir Zeit. Ich mache das ganz sorgfältig. Kennst du keine Leute, die sich massieren lassen wollen? Aber ich habe hier keine Chance als Afro. Die stellen mich nicht ein. Ich hatte da so nen Typen kennen gelernt. Der hat ein großes Geschäft. Der kann doch vorne verkaufen und ich kann hinten massieren. Aber es hat sich dann herausgestellt, dass er etwas ganz anderes von mir wollte. Das Arschloch. Aber dafür gebe ich mich nicht her. Nicht mit mir. Ich bin dann gegangen. Alle glauben, sie könnten mich dafür kriegen.

 

Ich bin mit dreizehn Jahren nach Deutschland gekommen. Und habe einen Typen kennen gelernt, der war fünfunddreißig. Und dann wurde ich von ihm schwanger und er hat mich sitzen lassen. Ich war dreizehn und habe dann das Kind ausgetragen und es nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Und sie wollen mir heute nicht sagen, wo sie ist. Ich möchte sie so gerne sehen. Sie muss jetzt auch schon achtzehn sein. Aber sie sagen mir nicht, wo sie ist. Hast du Geschwister? Ein Bruder wurde damals mit meinen Eltern ermordet. Von den Soldaten. Sie waren im Widerstand. Unsere Eltern hatten für uns vorgesorgt. Sie hatten für uns Geld bei unserer Großmutter deponiert. Und die hat uns dann aus dem Land geschafft. Wir wurden auch von den Soldaten verfolgt. Die wollten uns auch kriegen.

 

Und jetzt ist sie einfach nicht mehr da. Und ich konnte mich nicht mal von ihr verabschieden. Sie war ja schon alt. Und ist ganz friedlich eingeschlafen. Ich hätte noch soviel von ihr lernen können. Und all die schönen Blumen hier. Die Leute haben doch alle keine Ahnung von Kunst. Die Idioten wissen das nicht zu schätzen. Entschuldige, dass ich dich mit all dem belästige. Ihr seid so gut zu mir. Ich will dich nicht aufhalten. Einen schönen Abend." (Geht)

 

Im Blumenladen, 31. Juli 18.10

 

Ein Mann geht am Blumenladen vorbei, bleibt stehen und guckt. Schaut lange.
Liest das Info-Blatt am Fenster.
Arbeiter-Typ, dreckig, etwa 45 Jahre, Hund dabei.
Schließlich macht er die Ladentür auf, bleibt draußen stehen, steckt den Kopf rein:

„Guten Abend. Ich möchte nur mal fragen, wie lange dauert es denn, wenn ich Blumen bestelle?"

Blumenhändler (schaut verständnislos): „Wollen Sie eine bestimmte Blume in Auftrag geben?"

Mann: „Na ja, oder ein Blumenstrauß halt."

Blumenhändler: „Na, Sie können die, die hier hängen, sofort mitnehmen."

Mann: „Jetzt muss ich doch mal fragen, (schaut irritiert) meinen Sie die Bilder oder Blumen?"

Blumenhändler: „Na die Fotos natürlich. Es gibt hier ausschließlich Fotos."

Mann: „Ach so. (Grinst blöd) Wußt ich's doch. Aber, guter Witz."

(Macht die Tür zu. Geht)

 

Im Blumenladen, 27. August 17.15


Mensch, weiblich, ca. 50 Jahre, Wollmütze, Einkaufskorb.
Kommt in den Blumenladen.

Sie: „Ich muss jetzt doch mal reinkommen. Ich bin schon so oft vorbeigegangen.

Blumenhändler: „Das ist schön."

Sie: „Ich fotografiere nämlich auch Blumen."

Blumenhändler: „Aha."

Sie: „Fotografieren Sie mit Kunstlicht?"

Blumenhändler: „Ja."

Sie: „Ach, und die Bilder kann man kaufen?"

Blumenhändler: „Ja, genauso wie in einem Blumenladen."

Sie: „Nein, in einem Blumenladen kaufe ich Blumen."

Blumenhändler: „Ja."

Sie: „Ich finde, bei manchen Bildern hätten Sie mehr Luft lassen sollen. Die sitzen zu gedrängt im Format."

Blumenhändler: „Ja?"

Sie: „Was für ein Objektiv benutzen Sie denn?"

Blumenhändler: „Das kann ich Ihnen gar nicht sagen."

Sie: „Unterschiedliche?"

Blumenhändler: „Nein. Ein Makro."

Sie geht abrupt in Richtung Tür.

Blumenhändler: „Sie können gerne eine Karte mitnehmen."

Sie: „Ich glaube, die brauche ich nicht." (Geht grußlos hinaus.)

Blumenhändler: „Tschüss."