Große Wiedereröffnung des Blumenladens im Februar 2007 in Berlin-Mitte
In all den Jahren, da der Blumenladen im Verborgenen blühte, in einer verwunschenen Ecke in Berlin-Friedrichshain, kamen immer wieder Menschen in den Blumenladen und sagten: „Oh, ist das schön hier! Wenn doch dieser Laden in Mitte wäre, der würde dort doch total gut laufen!" Und deshalb gab es den Blumenladen dann in Berlin-Mitte. Als temporäre ambulante Performance. Für wenige Tage nur. Im Schatten des Berliner Doms, gar nicht weit entfernt vom Hackeschen Markt, fast direkt an der Spree, auf der Rückseite des DomAquarée.
Darf's noch etwas Grün sein? - Lesung im Blumenladen
Mit einer Lesung der "Begegnungen im Blumenladen" eröffnete am 13. Februar 2007 der Blumenladen im DomAquarée. Die Lesung wurde organisiert von Studierenden des Master-Studiums "Angewandte Literaturwissenschaft" der Freien Universität Berlin.
Rechnet sich das denn?
Der neue Blumenladen in Berlin-Mitte. Der Galerist von nebenan sagt: „Wenn man es sich leisten kann, dann kann man so was machen. Wenn man Geld verdienen will, muss man etwas anderes machen." Das ist ein nützlicher Hinweis. Deshalb macht der Galerist Picasso-Ausstellungen, mit Druckgrafiken und Keramik.
Und er muss jetzt mal endlich diese großen abstrakten Ölmalereien aus meinem zukünftigen Blumenladen räumen. Aber er weiß nicht wohin mit den Bildern. Weil sein Depot voll ist bis an den Rand mit abstrakten Ölmalereien. Der Galerist sagt, am Wochenende gäbe es hier schon sehr viel Laufpublikum. Aber man müsse mal ganz wertfrei sagen, dass es ein ganz dummes Publikum sei, das hier vorbeikäme.
/ Tag 1
Valentinstag. Es ist fast warm. Ich treffe drei Sachsen vorm Blumenladen. Junge Arbeitertypen. „Ist das dein Laden hier? Was bietest du denn an? Die Bildchen da an der Wand? Und das rechnet sich? Die kann man doch höchstens als Bieruntersetzer verwenden. Und so was verkauft sich?" Gelächter.
Eine Frau mit Kind kommt in den Laden. Sie kauft eine Iris und ein bisschen Grün. „Für den Papi. Zum Valentinstag." Meine erste Kundin.
Später kommt eine Touristin. Sie war schon am Hackeschen Markt im Perlenladen. „Da möchte man ja auch einfach bleiben. Weil's so schön ist." Sie ist zum Arbeiten hier in Berlin. Sie muss in Adlershof irgendein hochtechnisches Messgerät prüfen. Den Feierabendweg nutzt sie, um ein bisschen was von Berlin zu sehen. Sie war vor drei Jahren das letzte Mal hier. „Es hat sich ja so viel verändert seither."
/ Tag 2
Es regnet. Ein Paar kommt in den Blumenladen, ein bisschen verrückt aussehend, Touristen aus Süddeutschland. Sie wollen unbedingt ein Töpfchen mit Blumen kaufen. Obwohl die Töpfchen eigentlich zur Einrichtung gehören und gar nicht zum Verkauf gedacht sind. Sie machen mir ein gutes Angebot, und ich verkaufe ihnen ein Töpfchen mit acht Blumen.
Abends kommt eine Frau in den Laden. Schwarzes Kostüm, blonde Haare, goldener Schmuck, sehr gepflegt. Sie arbeitet im Bürogebäude gegenüber und kommt gerade von der Kosmetikerin nebenan. „Ich bin ein bisschen neugierig. Darf ich mal reinkommen? Das muss doch ein Kunstprojekt sein, hier. Oder? Ich habe mich gefragt, wer mietet denn so einen Laden an, in bester Lage hier, und dann nur mit Bildern? Das muss doch ein Kunstprojekt sein. Sonst ist das doch gar nicht zu finanzieren hier. In dieser Lage. Das ist ja nicht billig hier. Das muss man sich ja erstmal leisten können. Das sieht ja sehr schön aus. Aber ich käme doch nie auf die Idee, so ein kleines Bild zu kaufen. Deshalb muss das ja doch ein Kunstprojekt sein. Das ist ja sehr schön. Aber läuft das denn? Ich komme demnächst mal wieder und frage, wie es läuft. Einen schönen Abend."
/ Tag 3
Es ist kühl und trocken. Grau. Der Himmel ist bedeckt. Viele Menschen bleiben stehen und gucken durch die Scheiben in den Blumenladen. Mal sehr freundlich, mal nur ein wenig freundlich. Dann kommt eine Frau in den Laden. Sie hat eine rote Filzmütze auf dem Kopf und einen farbigen Wollschal um den Hals. Typ fröhliche Hausfrau. Bestimmt belegt sie Kreativkurse an der Volkshochschule, irgendwo in Westdeutschland. Sie ist Touristin. Findet das schön hier. Eine originelle Idee, und so freundlich, und so bunt. Das ist doch bestimmt ein Kunstprojekt. Sie würde das so gerne hier fotografieren. Aber sie hat keine Kamera mitgebracht nach Berlin. Es gibt hier in Berlin so viele originelle und witzige Sachen, die sie den ganzen Tag sieht, und die sie eigentlich gerne fotografieren würde. So wie der Laden hier. Aber sie hat ja keine Kamera dabei. Aber vielleicht ist das ja auch mal ganz gut. Findet sie. Wenn man keine Kamera dabei hat. Dann muss man das, was man eigentlich gerne fotografieren würde, ganz in sich aufnehmen. Dann geht sie wieder. Und sie wünscht mir viel Erfolg mit dem Laden hier.
Ein junger Amerikaner kommt in den Blumenladen. Er spricht Deutsch mit Akzent.
„Meine Mutter würde hier gefallen. Sie mag nämlich keine Blumen, die Mühe machen, die pflegen muss. Und das ist hier Konzept? Zwischennutzung, sagt man so? Mit Kunst, wenn keine richtigen Mieter da sind? Aber das ist auch schön hier. Viel Erfolg."
Ein Mann kommt in den Laden. Tourist. Sehr groß, sehr dünn; mit langen, fettigen Haaren und roter, fleckiger Haut. Er trägt einen Rucksack und eine praktische, bequeme, grüne Jacke.
„Ich bin hier vor ein paar Tagen schon vorbei gegangen. Da dachte ich, hier käme ein richtiger Blumenladen rein. Und das hier wäre so eine Aktion zur Eröffnung. Aber das soll hier wohl so bleiben? Das sieht ja sehr schön aus, von außen. Ich bin jetzt ein bisschen enttäuscht. Von draußen dachte ich, die Bilder seien alle gemalt. Aber die sind ja fotografiert. Aber das ist schon schön hier. Und was soll das?"
Ein junges Paar steht vorm Blumenladen. Sie lächeln freundlich. Ich auch. Sie diskutieren lange, schließlich kommen sie rein. „Und was ist das hier? Und was soll das? Und was ist die Idee
dabei? Und wer soll das kaufen und sich hinhängen?"
„Na, ihr zum Beispiel."
„Aber ich mag viel lieber richtige Blumen. Die Blüten sind dir aber gut gelungen, das ist sehr schön hier. Und rechnet sich das? Bist du morgen auch noch hier? Was kostet denn so ein Topf
mit Blumen?"
„Eine Blume kostet vier Euro."
„Warum sind die denn so teuer?"
„Was findest du denn angemessen?"
„Na, vielleicht zwei Euro."
Sie stehen noch ein bisschen rum und finden das schön hier. Dann gehen sie wieder. Sie wünschen mir viel Erfolg. „Ach, und du schneidest sie alle von Hand aus? Vielleicht könntest du so eine Stanze nehmen. Und sie ausstanzen."
/ Tag 4
Es ist kühl und sonnig, blauer Himmel, Ausflugswetter. Menschen flanieren an der Uferpromenade und sitzen in Wolldecken gepackt vor den Cafés in der Sonne.
Zwei elegante Damen kommen in den Blumenladen.
„Guten Tag. Sagen Sie, wir suchen das DDR-Museum."
„Das ist dort die Treppe runter, am Wasser."
„Na, das muss man ja auch mal wissen! Warum ist das denn nicht besser ausgeschildert? Wir sind schon um den ganzen Block gelaufen!"
Dann gehen sie wieder.
Ein Paar steht vorm Blumenladen. Elegant, teuer gekleidet. Die Frau kommt schließlich rein. Sie trägt einen orangefarbenen Rock und einen Hut in derselben Farbe, dazu eine Jacke in
passendem Braun.
„Sagen Sie, Sie bieten hier Papierblumen an. Über wen machen Sie sich denn damit lustig?"
„Lustig? Ich mache mich nicht lustig."
„Na kommen Sie, wer soll das denn kaufen?"
„Na, Sie zum Beispiel."
„Ich kaufe das bestimmt nicht."
„Warum denn nicht?"
„Na, weil es mich nicht interessiert."
„Aber es interessiert Sie doch immerhin soweit, dass Sie hier reinkommen und mich fragen."
„Na, weil mich das interessiert. Der Raum ist doch teuer hier. Das können Sie sich doch damit bestimmt nicht leisten. Na gut, das ist auch noch nicht richtig fertig hier. Das ist
wahrscheinlich so eine Übergangsform. Haben Sie denn schon mal so eine Papierblume verkauft?"
„Na klar."
„Ach, kommen Sie. Wirklich?"
Dann geht sie wieder.
Ein Mann kommt in den Blumenladen. Er trägt ein blau-weiß gestreiftes Business-Hemd, einen weißen Schal und einen schwarzen Lederblouson. Er spricht mit starkem Schwaben-Akzent und hat eine mächtige Alkoholfahne.
„Hallo, grüß dich, du bischd ja der Größte hier. Was verkaufschd du denn hier. Die Papierblumen da? Isch dät so'n Schdock da nehmen. Was koschdet der denn?"
„Na, es kommt auf die Anzahl der Blumen an. Eine Blume kostet vier Euro."
„Ach komm, isch gebb dir fünf Euro für denne Schdock. Unn denne Topf gebbschde mir ach noch dazu. Komm, du machschd das Geschäft deines Läwens. Fünf Euro. Also gut, sieben Euro. Komm, mir
Schwaben sinn ja gut im Handeln. Unn das läuft hier? Unn du verkaufschd hier was? Komm, sieben Euro!"
Er klopft mir kumpelhaft auf die Schulter, dann geht er.
/ Tag 5
Es regnet. Ein sehr großer Mann mit Bart kommt in den Blumenladen.
Er ist schnell und zielstrebig.
„Ich möchte eine Anemone. Haben Sie Anemonen?"
„Ja, dort in der Reihe. Rote und blaue."
„Ich nehme die rote."
Er zahlt und ist sehr schnell wieder weg.
/ Tag 6
Heute ist ein Artikel über den Blumenladen im 'Tagesspiegel' erschienen. Und gleich am frühen Nachmittag kommt die erste Besucherin. Eine junge schielende Frau. „Ich habe über den Blumenladen gelesen. In der Zeitung." Sie findet das alles so schön hier. „Ich könnte mich gar nicht entscheiden, wenn ich eine Blume aussuchen müsste." Damit ist klar, sie ist keine Kundin, wird niemals Kundin werden. „Ich hätte die gerne so als Tapete. Eine ganze Wand voll. Das wirkt ja auch nur in der Menge. Ich musste mal Blumen malen. Und ich hatte gerade nur ganz wenig Zeit, weil ich familiäre Probleme hatte. Da habe ich mir so eine hier ausgesucht, weil ich dachte, die wäre ganz leicht und ganz schnell zu zeichnen. Und dann habe ich daran ewig gesessen, mit all den Lichtspiegelungen in der Blüte. Und ich hatte ja eigentlich gar keine Zeit. Ich habe ja gar kein Geld. Ich würde ja eine kaufen, wenn ich Geld hätte. Ich will damit nicht sagen, dass die Blumen zu teuer sind. Wirklich nicht. Ich habe nur kein Geld. Sie müssten mal noch andere Blumen fotografieren. Kennen Sie die?" (Sie nennt mir einen Namen, den ich nicht kenne.)
„Nein? Die sind schön. Ach, die kennen Sie gar nicht? Die müssten Sie mal fotografieren. Warum gibt es den Laden denn hier nur für so kurze Zeit? Wenn ich dann mal eine Blume bräuchte, dann gibt's den Laden ja gar nicht mehr. Jetzt brauche ich ja keine. Na ja."
/ Tag 7
Kurz vor Feierabend kommen zwei Frauen mit einem Kinderwagen und einem dicken Kind in den Blumenladen. Das dicke Kind kann schon laufen und soll dies auch tun. Es bleibt allerdings erstmal bockig in der Eingangstür stehen. Schließlich ist die ganze Truppe drin. „Hallo, wir wollen mal testen, ob das hier auch kindersicher ist." Haha. Sie finden sich lustig. Ich sie nicht.
Das dicke Kind ist schüchtern und steht rum. Die zwei Frauen reden ein paar originelle Sätze mit mir. „Zwischennutzung, doch wahrscheinlich Kunst." „Rechnet sich das denn?" „Verkauft sich so was?" Dann wird das dicke Kind lebhaft und begrabscht alle Blumen nacheinander. Ich werde nervös. Vielleicht könnten die Frauen das Kind mal zurückhalten. Keine Regung bei den Frauen. Als das dicke Kind anfängt, mit dem Fuß in die Ausstellungswände zu treten, brülle ich: „Kann der junge Mann jetzt vielleicht mal aufhören, hier alles zu ruinieren?!"
Darauf eine der Frauen: „Na, sie springt darauf an." Und an das dicke Kind gerichtet: „Sarah, komm doch mal her." Aber Sarah will nicht. Dann folgt, was an dieser Stelle immer folgt. Die Frau hält das dicke Kind fest, das dicke Kind schreit, die Frauen packen ihren Kram, und endlich sind alle wieder draußen.
/ Tag 8
Eine junge Japanerin steht draußen und fotografiert den Blumenladen. Dann kommt sie rein und fotografiert weiter. Dann fragt sie: „Is ok? Picture?"
„Yes."
„Japanese tourist. Make picture."
Dann steht sie lange im Laden und schaut. Und dann fragt sie mich etwas. Ich weiß nicht was. Ich verstehe sie nicht und sie versteht mich nicht. Dann geht sie wieder.
/ Tag 9
Frühlingswetter, Sonne, warme Luft. Viele Spaziergänger kommen am Blumenladen vorbei. Ein junger Tourist aus Österreich mit Rucksack kommt in den Laden und kauft eine Blume. Kurz danach
kommt eine Frau.
„Sie, grüß Gott, ich bin total durcheinander gekommen. Wo ist denn das DDR-Museum jetzt?"
„Die Treppe runter, unten am Wasser."
„Ach so. Vielen Dank."
Dann ein älteres Paar. Mit Turnschuhen und Baseballkappe.
„Do you know where the DDR-Museum is?"
„Downstairs, this way, ..."
„Oh, we asked everywhere. No one could tell us, where the museum is. Thanks."
Zwei Paare im mittleren Alter kommen in den Blumenladen.
„Und läuft das hier? Wir haben nämlich einen Blumenladen mit richtigen Blumen. Aber hier ist es wahrscheinlich nicht ganz billig. Und Sie sind ja schon in der Zeitung gewesen. 'Da gibt es einen Blumenladen, der verkauft nur die Fotografien der Blumen', habe ich gelesen. In der Zeitung, wissen Sie."
Sie schauen sich alles an, dann gehen sie wieder.
Ein junges Paar steht vorm Blumenladen. Sie öffnet die Tür.
„Hallo, können Sie mir helfen? Ich suche das DDR-Museum."
„Treppe runter, dort."
„Ach so. Ich suche wie blöd. Danke."
Ein älteres elegantes Paar kommt in den Laden. Sie finden das eine ganz schöne Idee. Sie würden gerne einen Topf mitnehmen, aber sie sind mit dem Flugzeug hier. Das können sie nicht transportieren. „So was habe ich bei uns in Köln jetzt noch nicht gesehen." Sie gucken mal noch. Sie sind ja noch zwei Tage hier. Und es gibt ja soviel zu gucken, hier in Berlin.
/ Tag 10
Sonne und Regen im schnellen Wechsel. Der junge Amerikaner, der letzte Woche schon einmal hier war, kommt in den Blumenladen. Wie letztes Mal trägt er eine schmutzig-weiße Wollmütze, die er bis fast in die Augen gezogen hat, und einen Rucksack.
„Guten Tag. Ich war letzte Woche schon einmal hier. Und jetzt habe ich in diese Zeitung ein Bild gesehen, und ich war ganz überrascht, und ich sagte, ah, den kenne ich! Ich war da schon.
Und ich dachte, vielleicht, ich bringe diese Zeitung mit, und ich kann ein Autogramm haben, auf diese Foto."
Er nimmt seinen Rucksack vom Rücken und packt eine zerknitterte Zeitungsseite aus.
„Normalerweise ich lese diese Zeitung nicht, aber an diese Tag, sie haben ganz viele verteilt, gratis davon. Und ich schlage sie auf, und ich war ganz überrascht. So, kann ich ein
Autogramm haben hier, so ich kann zeigen meiner Freundin, ich kenne den. Können Sie schreiben: For Gary. G - A - R - Y."
Also schreibe ich 'For Gary' auf die Zeitung. Und komme mir ziemlich komisch vor.
/ Tag 11
Zwei junge Frauen kommen in den Blumenladen. Eine Französin, die ausschließlich Französisch spricht, und eine Deutsche, die Deutsch und Französisch spricht. Die Französin hat eine Frage, die Deutsche dolmetscht unser Gespräch. Die Französin möchte wissen, auf welchem Markt sie sich hier bewege. Ob es um Kunst oder um Blumen gehe.
Ich antworte, dass es beides sei, sie könne ganz normal Blumen kaufen, und der Laden sei trotzdem ein Kunstkonzept. Die Französin schaut sich alles lange an, und spricht mit ihrer Begleiterin. Schließlich erklärt mir die Deutsche, die Französin fände, sie sei in einer schwierigen Lage. Würde sie jetzt einfach eine Blume kaufen, sei sie eine ganz normale Kundin. Würde sie allerdings nichts kaufen, und über die Bilder sprechen, sei sie eine Besucherin einer Kunstausstellung. Und damit eine Kunstliebhaberin. Sie wisse nicht, was sie hier in diesem Raum sei.
Ich sage, ich sei der Meinung, sie könne eine Blume kaufen und trotzdem Teil der Kunst sein. Die zwei Frauen diskutieren noch einige Zeit auf Französisch, dann kauft die Französin eine Blume.
/ Tag 12
Aprilwetter im Februar. Heftige Regen- und Graupelschauer im Wechsel mit Sonnenschein und wolkenlosem, blauem Himmel. Kalt. Ein junger Mann kommt in den Blumenladen. Er schaut sich die
Blumen an.
„Kauft das denn auch jemand?"
„Ja, durchaus."
„Hm. Das heißt dann doch, dass noch immer zuviel Geld in der Gesellschaft ist."
Er geht. Ich fühle mich beschmutzt.
Am frühen Abend kommt ein seriöser älterer Herr in den Blumenladen.
„Guten Abend. Zwei Blumen soll ich meiner Frau mitbringen. Was Rundes soll es sein, nichts Eckiges. Dahlien, haben Sie Dahlien? Nein? Na gut, dann die hier. Eine gelbe und eine rote. Wir haben Sie aus der Zeitung. Ruhig ist es hier abends. Tote Hose. Aber die auf der Friedrichstraße haben das gleiche Problem wie Sie. Keiner flaniert. Abends ist tote Hose. Das ist doch gespenstisch hier. Im alten Westen, da geht das noch, Charlottenburg. Aber sonst doch nicht. Mutig ist das von Ihnen hier. Sehr mutig. Na, ich wünsche Ihnen auf jeden Fall alles Gute. Und viel Erfolg. Milliarden haben die reingepumpt, in die Friedrichstraße. Und keiner flaniert."
/ das Paar
Ein Paar kommt in den Blumenladen. Schon nicht mehr ganz jung, kunstinteressiert, besuchen Galerien und Ausstellungen. Sie erzählt von einer Galerie in der Auguststraße, sie hat dort mal eine Ausstellung mit gebastelten Papierblumen gesehen. Das funktionierte ganz toll. Sie trägt schlicht elegantes Schwarz mit einem roten Schal kombiniert. Er hält ein Buch in der Hand 'Anthropologie und Theologie'.
Sie: „Welche gefällt dir denn am besten?"
Er: „Genau die würdest du doch eh nicht nehmen. Du machst doch immer das Gegenteil von dem, was ich sage."
Er setzt sich erstmal. Das wird länger dauern. Sie will eine Blume kaufen. Er findet pink gut. Sie findet pink zu pink. Und gelb mag sie nicht. Also eine rote wahrscheinlich. Aber welche rote? Die wirkt ja zu Hause ganz anders als hier, zu Hause ist es nicht so hell, in der Ecke, in der die rote Blume dann stehen soll. Hier im Laden ist ja viel mehr Licht. Hier sieht das ja ganz anders aus. Sie haben den Artikel im Tagesspiegel über den Blumenladen gelesen und sind deshalb extra hergekommen. Er findet das eine ganz tolle Idee mit dem Blumenladen. Sie findet das auch. Er findet, dass das eine ganz tolle Idee ist, die wahrscheinlich unmittelbar in die Pleite münden wird. Sie hat inzwischen vier rote Gerberas in der Hand. Alle ein bisschen unterschiedlich und doch auch sehr ähnlich. Sie ist noch in der Entscheidungsfindung. „Oder findest du doch die in pink besser?"
Er sagt, er sage jetzt nichts mehr. Er hat resigniert.
Sie: „Er hat resigniert. So ist das in einer langjährigen Partnerschaft. Ich könnte doch auch Elke so eine Gerbera als Geschenk mitbringen."
Er: „Ja, das könntest du machen. Du könntest ihr so eine Gerbera als Geschenk mitbringen."
Sie: „Das mache ich vielleicht, ich bringe Elke eine Gerbera als Geschenk mit. Welche Farbe denn? Ich glaube, für Elke nehme ich so eine rote. Ein bisschen heller. Welche von den beiden findest du denn besser?"
Er: „Welche willst du denn auf keinen Fall nehmen? Ich bin ja nur zum Bezahlen mitgekommen. Und weil ich den Blumenladen mal sehen wollte. Weil ich die Idee ganz toll finde."
Sie: „Ich glaube, ich nehme die für Elke. Die nehme ich schonmal als Geschenk für Elke."
Er: „Das ist ihm doch egal, er weiß ja gar nicht, wer Elke ist."
Sie: „Vielleicht kommt ja mal eine Frau hier in den Blumenladen und sagt 'Hallo, ich bin Elke, ich habe eine Blume aus Ihrem Laden geschenkt bekommen.' Aber welche nehme ich denn für mich? Du findest also die in pink gut?"
Er: „Ja, die finde ich gut. Aber die nimmst du ja sowieso nicht."
Sie: „Findest du sie nicht zu grell in pink? Ich finde sie zu grell. Aber, guck mal, so mehrere in einem Töpfchen, das ist ja auch ganz schön. Nicht so viele wie hier. Vielleicht drei. So wie hier. Das ist ganz schön."
Er: „Klar, er verkauft dir bestimmt auch ein ganzes Töpfchen mit Blumen. Das steigert den Umsatz."
Sie: „Ich würde sie in ein schwarzes Töpfchen stellen."
Er: „Du willst sie also umbauen?"
Sie: „Das hier würde doch bei uns gar nicht passen. Oder? Aber vielleicht würden die bei uns gar nicht wirken. Wenn sie so hoch stehen. Weißt du, ich würde sie bei uns da hinten in die Ecke stellen, da, wo ich die ganzen anderen Sachen habe. Da ist ja gar kein Licht."
Er: „Na, die hier brauchen ja gar kein Licht. Das ist ja das gute. Was willst du denn nun nehmen?"
Sie: „Also, die rote nehme ich auf jeden Fall als Geschenk für Elke. Und welche nehme ich für mich? Vielleicht auch eine rote. Aber eine andere. Oder meinst du, ich sollte vielleicht eine gelbe für Elke nehmen?"
Er: „Das ist doch egal. Und ihr Mann ist doch sowieso blind, dem tut das nicht weh."
Schweigen.
Er: „Also nicht, dass Sie jetzt glauben, wir seien roh. Ihr Mann ist unerträglich und er sieht nichts. Deshalb sagen wir, er ist blind."
Sie: „Ja, genau."
/ die Betrachter
Zu sehen sind die Betrachter. Nicht zu sehen ist der Beobachter. Möglicherweise ist der Beobachter immer unsichtbar. Krishnamurti, ein ziemlich durchgeknallter Inder, hat sich viele Gedanken über das Wesen des Beobachters und seine Beziehung zum beobachteten Objekt und die Einsichten, die im Innern des Beobachters aufsteigen, gemacht. Er sagt: "Schon beim Akt des Beobachtens beginnt der Vorgang der Benennung, der die Wahrnehmung verzerrt, und durch diesen Vorgang verändert sich das Wesen des Beobachters."