Die Hoffnung stirbt niemals.
Neulich schrieb mir einer, er kenne da so einen Vogel, der habe ein Haus aufgetan, in der Voßstraße, so eine große Ruine mit Geschichte. Und mit viel Platz. Da könne man gut Kunst machen. Ob ich mit dem Blumenladen denn da mitmachen wolle? "Klar", sagte ich.
Wir haben das Haus dann angeguckt. Es hat viele Zimmer, keine Fenster, und es ist arschkalt. Es ist wunderschön. Und es liegt irgendwie hinterm Leipziger Platz. Und der liegt direkt am Potsdamer Platz, in Berlin, Germany.
Dann wurde die große Kunstschau Berlin geplant, für April 2008.
Gestern hieß es dann plötzlich: "Eine große Katastrophe, die Reichsbahn hat den Mietvertrag fristlos gekündigt. Die müssen aus dem Haus raus, die Zwischenmieter. Ende März ist da Schluss." Dabei heißt das gar nicht mehr 'Reichsbahn'. Schon lange nicht mehr.
Wir haben kurzfristig beschlossen, die große Kunstschau Berlin noch im März zu machen. An Ostern geht's los. Jetzt können wir zwar nicht mehr das kunstinteressierte internationale Publikum abzapfen, das im April zur Berlin-Biennale kommt, aber wir haben ja die ganzen fröhlichen Berlintouristen, die zu Ostern in der Stadt sind, und die bestimmt unsere Ausstellung in dem schönen Haus anschauen wollen.
"Verkaufen Sie auch Eisblumen? Ha, ha!"
// der Aufbau
/ ein Tag
Es ist unfassbar kalt im Haus. Im Innern viel kälter als draußen. Ich friere, meine Finger sind ganz steif. Aber so halten die Blumen viel länger.
/ noch ein Tag
Es ist kalt.
/ und noch ein Tag
Es ist kalt. Das Haus ist undenkbar kalt. Als ob es ein geheimes, eisiges Wesen sei, ausgesandt aus einer anderen Welt, um uns zu locken, und uns die Wärme zu entziehen. Nach wenigen Minuten wird man kalt und steif. Unfähig zur Bewegung. Wenn man länger bleibt, verliert man alle Kraft und Motivation. Willenlos sind wir unfähig das Haus zu verlassen.
/ und noch ein Tag
Es ist kalt. Im Raum neben dem Blumenladen hängt ein Fotograf zwei große Bilder auf. Wolfgang Joop lebensgroß. Er trägt rote Schuhe und steht vorm Technikmuseum in Berlin. Und er hält an einer Kette eine Latexfrau. Die Frau sitzt allerdings in New York.
// die Eröffnung
Wir stehen um kleine, gasbetriebene Heizgeräte herum. Ganz dicht beieinander. Meine Schwester sagt, bei den Stachelschweinen sei das ganz ähnlich. Bei großer Kälte legten sie die Stacheln an, und kuschelten ganz eng zusammen.
Ich habe an der Bar ein Bier gekauft, das Eisklümpchen schäumte. Es stand wohl versehentlich neben dem Kühlschrank.
/ noch ein Tag
Ein mittelaltes Paar besucht die Ausstellung. Er trägt verlotterte schwarze Klamotten, die Uniformierung der intellektuellen Kreuzberger. Zu Zeiten als die Mauer noch stand. Sie ist laut und nervig: "Das ist ja ein ganz tolles Haus hier. Ich habe hier dauernd Flashbacks. Wir waren ja neulich auf Kuba. Und das ist hier alles ganz genauso. Das alles hier erinnert mich an Havanna. Ganz genau."
Wie man bei gefühlten minus zwanzig Grad an Kuba denken kann, verstehe ich nicht.
/ noch ein Tag
"Das war doch mal, ähm, am Halleschen Tor?"
"Möckernbrücke."
"Möckernbrücke. Ah ja."
/ noch ein Tag
Die Menschen von der Bar verkaufen seit gestern Glühwein statt eisgekühltem Bier. Zumindest theoretisch, denn praktisch verkaufen sie gar nichts.
/ noch ein Tag
Ich habe geschwänzt. Ich bin heute nicht ins kalte 'Voss Palais', ich war im 'Hamburger Bahnhof'. Zeitgleich mit unserer Kunstschau hat dort eine große Wolfgang-Tillmans-Werkschau eröffnet. In den komisch angebauten 'Rieckhallen'. Der Eintritt in den 'Hamburger Bahnhof' kostet acht Euro. Das ist affig viel Geld, finde ich. Der Eintritt ins 'Voss Palais' kostet nur zwei Euro. Und die Räume dort sind authentisch historisch. Ich schätze die alten Tillmans-Arbeiten sehr; als Markierung der Neunziger.
Nach den 'Tillmans' folgen noch viele Hallen mit vielen großformatigen Fotografien aus der geschenkten Flick-Sammlung, alle namhaften Vertreter der Fotokunst der letzten zwei Jahrzehnte, viele große, glatte Fotografien, teilweise in edlen, schweren Holzrahmen. 'Sichtbarwerden' heißt die Ausstellung. Irgendwann bekommt man das ganz dringende Bedürfnis, nach Hause zu gehen und sich einen Tee zu kochen. Am liebsten Rooibos-Vanille. Mit Milch und viel Honig.
/ noch ein Tag
Die Voßstraße steht in der Zeitung. Neulich hat nämlich so ein Schriftsteller vorgeschlagen, ein Denkmal für so einen Hitler-Attentäter aufzustellen. Nicht für diesen Stauffenberg, der scheint ja nur so ein mediengeiler Nachahmer zu sein. Nein, für den ersten, den wahren Hitler-Attentäter. Und jetzt hat der Schriftsteller noch vorgeschlagen, wo das Denkmal unbedingt stehen soll. Nämlich an der Ecke Wilhelmstraße / Voßstraße. Weil dort die Reichskanzlei
stand.
"Aber ist denn nicht jeder Hitler-Attentäter ein wahrer Hitler-Attentäter?", fragt Kai von Kröcher.
/ noch ein Tag
"Uh, hier ist es aber kalt."
"Ja."
"Hier ist es ja viel kälter als draußen."
"Ja."
/ noch ein Tag
Das Fernsehen war da.
/ der vorletzte Abend
Geldpublikum. Vier Menschen stehen an der Bar; eine Frau und drei Männer. Schon lange nicht mehr jung. Die Frau trägt eine teuere Handtasche und eine schwarze, unvorteilhaft geschnittene, enge Steppjacke. Ihr Begleiter trägt Anzug und Mantel. Die beiden anderen Männer stecken in schwarzen Lederblousons und Jeans; und dazu italienische Slipper. Einer mit grauem Schnurrbart, einer ohne.
"Hier in diesen Räumen Malerei zu zeigen, ist völlig falsch. Das geht nicht."
"Man hätte hier Videos zeigen müssen. Ein paar Monitore übereinander, ein Beamer, und fertig."
"Nur Malerei hier zu zeigen, ist völlig falsch."
"Vielleicht hatten sie ja kein Geld."
"Wer ist denn dieser Kurator? Müssen wir uns mit dem mal treffen?"
"Das ist der, der unten an der Kasse sitzt."
"Ich hab den mal gegoogelt. Nichts gefunden."
"Kennt ihr diese Immobilie in Lichtenberg? Das ist sehr interessant dort."
Und dann unterhalten sie sich tatsächlich noch über ihren Kurzurlaub auf Sylt.
/ der letzte Tag
Ausflugswetter. Es kommen viele Menschen ins Haus. Ein paar kommen, weil sie es in der 'Abendschau' gesehen haben, die meisten kommen zufällig vorbei.
Ein älteres Paar steht an der Kasse: "Können wir hier rein?"
"Ja, klar. Wir haben hier eine Ausstellung. Das ist alles sehr interessant. Räume mit mehr als zwanzig Künstlerinnen und Künstlern."
"Na, wegen der Künstler wollen wir nicht rein. Sind die Räume denn historisch?"
// der Abbau
Ich packe die Blumen ein, in kleine Kistchen. Nebenan wirft ein Vogel dem anderen Vogel Vogelhaftigkeit vor. Wir verlassen das Haus. Die Sonne scheint, die Luft ist warm. Es ist Frühling.
// der Abschied
Wir fahren noch mein Blumenladenmöbel nach Hause. Zum Abschied sagt der Vogel: "Wir sind in aller Munde. Hast du ‘Voss Palais' mal gegoogelt? Alle Zeitungen haben es gebracht. Wichtig ist, dass man im Gespräch ist. Das war ja ‘n richtiger Erfolg, da war es ganz wichtig, dass wir das gemacht haben. Ich hab auch zwei Bilder verkauft. Halt nur kleine. Ich hätt ja lieber den Ter Hell verkauft.
120 000 Euro, das wär ne ganz andere Hausnummer gewesen."
Und ich Idiot hab dann auch noch gegoogelt. Ich fall immer wieder drauf rein.