Photonews / September 2008
Berliner Zeitung / 3. Juni 2008 / Berlin-Planer: Kunst
Nelke, Artenschutz etc.
Nur eine Papierrose
Ganz unauffällig schmiegt sich eine Art Gartenhäuschen oder Holzbude vom Weihnachtsmarkt an die Kopfwand im weitläufigen Foyer der Bundeskunsthalle. Darüber, dass es sich bei dieser Installation um einen Blumenladen handelt, klärt der schlichte, schwarze Aufdruck auf einer weißen Banderole unter der Theke auf.
Die Information ist entscheidend, irreführend und erhellend zugleich, denn Blumen gibt es dort nicht zu kaufen. Was der Laden des Berliner Künstlers und Fotografen Wolf Klein anbietet, sind Fotos von Blumen: Rosen, Gerbera - Schnittblumen halt, wie man sie an jeder Straßenecke
bekommt, aber beheimatet im kleinen Abgrund zwischen Wort und Wirklichkeit, vielleicht im
Sinne von René Magritte: Ceci n'est pas une fleur.
Die Blumenbilder kommen ganz unschuldig daher. Sie hängen säuberlich aufgereiht an den Wänden des Gartenhäuschens, davor wippen ausgeschnittene, auf Drähte gezogene
Blütenköpfe: es sind keine edlen Inszenierungen wie die Blüten von Robert Mapplethorpe,
noch legen sie ein naturhistorisches Interesse nahe wie die Fotos von Karl Blossfeldt.
Wolf Kleins Werke scheinen auf nichts außerhalb ihrer selbst Liegendes zu verweisen,
nicht einmal auf das Blumenschenken als romantische, tröstende oder festliche Geste.
Die Bedeutung seiner in der Kunstgeschichte so oft verwendeten, symbolträchtigen Motive
wird, so sieht es aus, weder erhöht noch vertieft - doch ausgestellt an einem Kunstort schwingt all dies naturgemäß mit. Aber mehr nebenbei, denn anderes scheint hier gefragt und gemeint zu sein. Die Papierblumen sind im Billigholzhaus in den geschmacklichen Rahmen einer Woolworth-Wirklichkeit gesetzt, ein Minimuseum im Gross-Museum, ein Störfaktor mit dem Appeal pseudoländlicher Schrebergartenkuscheligkeit im Foyer der staatstragenden Kunsthalle.
Daneben ist der Laden auch ein echter Laden mit einer Theke und allem: die Objekte können für ein paar Euro gekauft werden. Zu billig? Zu teuer? Kunst oder Kitsch oder nichts von beidem - das ist hier die Frage, und sie kann gleich mit dem Künstler - oder Blumenhändler - selbst diskutiert werden: der Blumenladen ist auch ein interaktives Experiment, an dessen Ausgang oder Fortgang Besucher, Käufer und Betrachter selbst beteiligt sind. Tag genau nachzulesen auf Wolf Kleins schöner Website www.karnation.de.
Den Blumenladen, der in Berlin seine feste Basis hat, aber immer wieder auf Tournee geht,
während der UN-Konferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt nach Bonn einzuladen und genau an diesem Ort zu platzieren, ist endlich mal ein sinniger kuratorischer Einfall.
von Marion Löhndorf / die tageszeitung / 30. Mai 2008 / und taz.de
von Kai Schmidt / tip Berlin / Juli 2007
Wie ich fast Berliner des Tages geworden wäre
In Berlin gibt es drei Dutzend Radiosender, die alle eine "ausgewogene Musikmischung" spielen, und durch witzige Wortbeiträge gute Laune verbreiten. Letzte Woche rief eine Frau von einem dieser Sender bei mir an.
„Guten Tag Herr Klein, wir haben gehört, Sie betreiben einen Blumenladen mit Fotos. Das ist ja sehr interessant. Wir haben da so eine Rubrik Berliner des Tages, da würden wir Sie gerne vorstellen. Hätten Sie denn dazu Lust?"
„Ja, sehr gerne", sagte ich.
„Ich weiß nicht, ob Sie die Sendung kennen?"
„Nein, leider nicht", sagte ich.
Wir verabredeten, dass die Moderatorin am Montagmorgen bei mir anriefe, um mit mir am Telefon ein Interview zu führen, das aufgezeichnet würde, und am selben Vormittag ausgestrahlt werden sollte. Am Freitag rief eine Frau an und sagte, ich könne nun leider doch nicht am Montag Berliner des Tages werden, sie wollten es aber auf jeden Fall machen. Sie würden am Montag anrufen, dann könnten wir einen Termin vereinbaren.
Am Montag rief eine Frau an und sagte: „Wir würden Sie gerne am Mittwoch zum Berliner des Tages küren." Wir verabredeten, dass die Moderatorin mich am Mittwochmorgen anriefe, um mit mir am Telefon ein Interview zu führen. Ich habe heute Morgen eine Stunde vorm Telefon gesessen. Es hat mich niemand angerufen.
Ich habe die Zeit genutzt, und mir im Internet die Berliner des Tages der vergangenen Tage angesehen. Ein Mann, der auf eigene Initiative den Verein "Berliner Freunde exotischer Vögel e.V." gegründet hat; eine Rentnerin, die eine Stiftung für Klavierspieler gegründet hat; ein Erfinder, der einen Automaten gebaut hat, der Bierbüchsen öffnen und das Bier in ein Glas einschenken kann, sobald das Telefon klingelt; ein Pfeifenraucher; ein Sozialpädagoge; eine Frau mit einem mobilen Krankenzimmer auf ihrem Fahrrad; eine Rentnerin, die Kinder spielerisch an das Thema Tierschutz heranführt; ein Redaktionsleiter einer Straßenzeitung; ein Lehrer, der mit seiner Schulklasse alte Handys einsammelt; und ein Schauspieler, der seinen Prominentenstatus bewusst dafür einsetzt, um sich für Kulturprojekte in Berlin stark zu machen.
Ich bin dann schließlich doch noch Berliner des Tages geworden. Am 20.09.2007
BVG plus_
Der ÖPNV-Betreiber in Berlin heißt BVG. Das heißt 'Berliner Verkehrsbetriebe'. Und ÖPNV heißt
'Öffentlicher Personennahverkehr'. Und die BVG hat ein Kundenmagazin. Das heißt 'BVG plus_'.
Das ist sowas wie die Bäckerblume für U-Bahn-Passagiere. Es ist ein kleines, buntes Heftchen,
kostenlos, erscheint einmal im Monat. Mit ein paar Neuigkeiten rund um's U-Bahn- und Busfahren.
Und ein paar Boulevardgeschichten. Heute rief der Redakteur von 'BVG plus_' an.
„Herr Klein, wir haben Sie nicht vergessen, aber in den letzten Monaten war soviel zu tun. Wir würden
gerne in der nächsten Ausgabe etwas über den Blumenladen machen. Wir haben da so eine Rubrik
auf der letzten Seite, die heißt 'Augenblick noch!', kennen Sie vielleicht. Da machen wir immer
etwas Skurriles, das im weitesten Sinne mit der BVG zu tun hat."
„Sehr gerne", sagte ich. „Ich freu mich."
Der Blumenladen ist skurril und hat im weitesten Sinne etwas mit der BVG zu tun. Diesen Monat
hatten sie auf der Seite einen Künstler porträtiert, der hat aus alten Fahrscheinen lauter lustige,
kleine Schmetterlinge gefaltet. Die hat er dann auf kleine, graue Kärtchen geklebt, und ihnen lustige,
lateinische Namen gegeben. Zu seiner Idee sagte er, er habe bemerkt, dass seine Arbeiten irgendwie
Ähnlichkeiten mit Schmetterlingen gehabt hätten. Mich hat der Redakteur gefragt, wie ich denn auf
die Idee mit dem Blumenladen gekommen sei, und ob ich denn eine Lieblingsblume hätte.
Dann sagte er noch: „Sie haben uns ja freundlicherweise ein paar Bilder zugeschickt. Die sind
allerdings für unser Magazin nicht so gut geeignet. Ich würde gerne unseren Haus- und Hoffotografen
bei Ihnen vorbeischicken, der macht dann ein Foto. Ich habe auch schon eine Idee."
„Sehr gerne", sagte ich. „Ich freu mich."
Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blümlein welken ...
... diese Blumen aber nicht -- ungewöhnliche Kunst auf dem U-Bahnhof Möckernbrücke
_Mal schnell einen Strauß Rosen für die
Liebste vom Blumenhändler im U-Bahnhof
mitnehmen, ist nichts Besonderes.
Oder doch? „Rosen, Tulpen, Nelken, alle
Blümlein welken ...“, haben wir als Kinder
in so manches Poesie-Album geschrieben.
Wie schade, wenn Rosen, Tulpen, Nelken
nach ein paar Tagen die Köpfe hängen
lassen -- das fand auch der Fotokünstler
Wolf Kein. Doch Klein wollte die Flinte
nicht ins Korn werfen, sondern ließ
stattdessen seine blumigen Gedanken
sprießen. Die zündende Idee: Wolf Klein
kaufte sich eine Schnittblume, steckte sie in
eine Halterung, leuchtete sie an und drückte
auf den Auslöser seiner Kamera. Das Foto
abziehen, es mit einem zarten Stängelein
versehen, die Prozedur tausendfach
wiederholen -- und schon lag ein üppiger
Blütenteppich zu seinen Füßen.
Seine, im besten Sinne, Kunstblumen
bietet Wolf Klein zurzeit im „Blumenladen“
auf dem U-Bahnhof Möckernbrücke feil
(Bahnsteig Richtung Uhlandstraße). Und
sie sind echte Hingucker. „Schön“ finden’s
die einen, andere vermuten irgendwo die
„versteckte Kamera“. Wer die quietschbunten
Sträuße auch einmal sehen möchte,
sollte sich aber beeilen. Auch wenn diese
Rosen, Tulpen, Nelken nicht verblühen --
nur noch bis Ende September blüht es auf
der Möckernbrücke. _bwg
von Bernd Wegner BVG plus_09 September 2007
Der Fernsehredakteur
Gestern hat mich der Fernsehredakteur am Blumenladen besucht, weil er jeden Tag
mit der U-Bahn am Blumenladen vorbeifährt, und ihn interessant findet. Deshalb hat er
sich bei der BVG eine Drehgenehmigung besorgt, und einen Kameramann mit Kamera
mitgebracht. Er will einen Kulturtipp für ein Kulturmagazin machen. „Und es hat noch
gar kein Fernsehteam den Blumenladen gefilmt?"
Darüber haben wir uns beide dann sehr gewundert. „Na, man muss das ein bisschen
erklären, mit dem Blumenladen", meinte der Fernsehredakteur. „Mein Redaktionsleiter
hat zuerst auch gesagt, ‚Aber in Chorin ist doch Chorfest!' Dann habe ich gesagt,
‚Ach, das Chorfest in Chorin ist doch so langweilig.' Du hast also richtig Glück gehabt,
Du hast mit dem Blumenladen gegen das Chorfest in Chorin gewonnen."
Deshalb gibt es am nächsten Donnerstag um Viertel nach zehn in Stilbruch auf RBB
etwas ganz Kleines über den Blumenladen. Bei den Kulturtipps. Falls nicht doch noch
jemand etwas über das Chorfest in Chorin macht. Hier.
Foto: Harald Thierlein
Blüten ohne Duft: "der Blumenladen" im DomAquarée bietet alle Pflanzen virtuell und aus Pappe
Klick mir einen Blumenstrauß
Draußen kann man groß "der Blumenladen" lesen, aber schon kurz nach Betreten des Geschäfts
fällt auf: Hier stimmt etwas nicht. Zu kaufen gibt es zwar auch Rosen, Nelken und Lilien, doch der
Duft fehlt. Kein Wunder, denn Wolf Klein (38) betreibt Berlins ersten virtuellen Blumenladen.
Ob lila Nelke oder gelbe Gerbera, im Geschäft an der Spreeseite des "Dom Aquaree" ist jede zarte
Pflanze aus Pappe. Etwa 600 Blumen-Motive hat Klein im Angebot. Jedes hat der Fotograf und
frühere Kameramann selbst aufgenommen. Die abgelichteten Blütenköpfe kann man entweder auf
Karte - für 5 Euro - oder als Papp-Imitat mit einem Stiel aus Draht (4 Euro) kaufen. Sogar eine
Blumen-Frischhalte-Box ist im Sortiment: Sie schützt die Fotos vor dem Vergilben.
Klein versteht seinen Blumenladen als Kunstprojekt und Experiment. "In einer Welt, in der vieles
virtuell abgebildet wird", sagt Klein, "wollte ich das mit einem typischen Stück Natur - der Blume -
machen." Zuvor betrieb Klein seinen Blumenladen über vier Jahre in der Friedrichshainer Jungstraße.
Oft staunten die Kunden über das, was sie entgegen ihrer Erwartung im Laden fanden. Nun ist er
bis Anfang März im "DomAquarée" zu Gast, mietfrei. Für die Zeit danach hat Klein schon Pläne.
Am U-Bahnhof Möckernbrücke möchte er wieder einen festen Shop betreiben. Um dann wieder
jeden Tag ungläubige Blicke zu ernten und die Leute in ihrer Hast auf die nächste Bahn zumindest
für einen Moment zu verzaubern.
Michael Schulz B.Z. 26. Februar 2007
Jacke wie Rose
Berlin ist keine Großstadt, sondern die Simulation einer Großstadt, die von unzähligen Provinzflüchtlingen
nach dem Bild gestaltet wird, das sie von einer Großstadt haben. Diesen Verdacht hegt jeder, der sich in
den Wireless-Lan-Kneipen am Prenzlauer Berg und in Friedrichshain aufhält, die Myspace-Ästhetik diverser
Clubs erlebt oder den zahllosen Cafégesprächen lauscht, in denen ein früheres Schwäbisch, Sächsisch,
Saarländisch oder Eifelplatt den mühsam behaupteten Berliner Dialekt perforiert.
Wie eine ironische Konsequenz aus solchen Überlegungen wirkt das Kunstprojekt, das der 1969 im Saarland
geborene Künstler und Fotograf Wolf Klein seit 2002 betreibt. Dabei ist das Sujet, das in seinem Zentrum
steht, denkbar harmlos: Es geht um Blumen. Ein beliebter Satz unter jungen Kreativunternehmern
lautet ja: „Im Notfall macht man einen Blumenladen auf.“ Das hat Wolf Klein auch getan, doch sein Blumenladen
ist ein bisschen anders. Hier gibt es nämlich richtige Blumen nicht zu kaufen, also solche, die sich durch
Fotosynthese am Leben halten, sondern Fotografien von Blumen: Circa 3000 kleinformatige, quadratische Fotos
von 1000 verschiedenen Blumenköpfen liegen in Kleins Vorrat oder bedecken die Ladenwände. Außerdem gibt
es Blumenmodelle – gebastelt aus fotografierten Blättern und Blüten. Gerade das Medium Fotografie, so Klein,
mache am liebsten vergessen, dass es ein Medium ist, um sich als Natur auszugeben. Und sein Laden
nehme einfach all die Menschen beim Wort, die vor dem Foto einer Rose nicht sagen, dass es sich um das Foto
einer Rose handele, sondern bloß: „Das ist eine Rose.“
Bislang war der Laden, den Klein auch „stationäre Performance“ nennt, in einer eher versteckten Straße in
Friedrichshain gelegen. Seit letztem Dienstag hat er sich in einem 64 Quadratmeter großen Eckladen
im Dom-Aquarée in Mitte angesiedelt, direkt im Schatten des Doms. Ein wahrlich vortrefflicher Ort.
Schließlich ist Berlin-Mitte der Stadtteil, bei dem man am stärksten das Gefühl hat, dass er vor allem eines ist:
sein eigenes Abbild. Wer hätte noch nie den Eindruck gehabt, dass Museumsinsel, Hackescher Markt und
die diversen Mitte-Kneipen ihre eigene Fotografie leben? Wenn dann noch das Stadtschloss wieder aufgebaut ist,
wird die Gegend endgültig zur gigantischen Postkarte mutiert sein. Seinen Blumenladen wird Klein dann
allerdings wahrscheinlich längst wieder an einem anderen Ort aufgeschlagen haben.
Es geht um Gespensterblumen in einer gespenstischen Gegend. Da stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt
um einen echten Laden handelt. Wenn die Fotografie einer Rose so tue, als ob sie eine Rose sei, dann könne
ja auch der Blumenladen so tun, als ob er ein Laden sei, erklärt Klein. Und andererseits ist es ja auch fraglich,
was ein echter Laden überhaupt sein soll. Gerade im Moment der Enttäuschung darüber, dass es hier gar keine
wirklichen Blumen gibt, merkt man nämlich, wie absurd die alltägliche Vorstellung ist, man könne in einen
„echten“ Laden gehen und dort „echte“ Natur kaufen. Natur kauft man in keinem Laden der Welt, sondern immer
schon medial vermittelte Kultur. Und wer Blumen kauft, erwirbt vorwiegend ein kulturell geprägtes Zeichen – für Liebe,
Trauer, Fröhlichkeit oder was auch immer.
Was sind dann allerdings Fotografien von Blumen? Dasselbe Zeichen? Das Zeichen des Zeichens? Als er studiert
habe, seien gerade Baudrillards Simulationstheorien wichtig geworden, sagt Klein lachend. Es geht ihm also durchaus
darum, herauszufinden, was ein Laden eigentlich ist. Weshalb es auch nicht verwundert, dass den Umzug
18 Studenten des neuen Studiengangs „Angewandte Literaturwissenschaft“ (FU) im Rahmen eines Seminarprojekts
organisiert haben.
Das Wichtigste an seinem Projekt, so Klein, sei der Moment der Irritation, der jedes Mal entstehe, wenn jemand
Blumen kaufen wolle und dann plötzlich vor Fotos stehe. Dabei scheint gerade die Tatsache, dass das Objekt „Blume“
mit seinem Nettigkeitsfaktor so wenig spektakulär ist, eine enorme Begegnungsvielfalt zu ermöglichen.
Zuerst hatte Klein noch überlegt, ob es vielleicht besser sei, etwa eine Fleischerei mit entsprechend drastischen
Fotos aufzumachen. Inzwischen denkt er aber, dass die sanfte Alltäglichkeit seiner Blumen das größere
Provokationspotenzial birgt: Jeder, der den Laden kennenlerne, rate dem Betreiber als Erstes zu weiteren Ideen.
So lustige Begegnungen – mit Marketingreferenten, Psychoanalytikerinnen bis hin zu Blumendichtern – hat es nun
schon gegeben, dass Klein begonnen hat, die besten Geschichten aufzuschreiben. Bisweilen erinnern diese
Prosaminiaturen an Elias Canettis Charakterbeschreibungen im „Ohrenzeugen“. Zur Neueröffnung hielt Klein eine
Lesung seiner Texte ab, und vielleicht wird es irgendwann auch ein Buch geben. Oder, wer weiß, vielleicht das
Foto eines Buchs?
von Sebastian Kirsch
Der Tagesspiegel 20. Februar 2007
Schaffnerhaeuschenzombies
Seit die Wunder der modernen Technik die Arbeitswelt umkrempeln, braucht die BVG
keine Schaffner mehr. Weil keine Schaffner auch keine Pausenstullen essen oder
Fahrplanauskuenfte geben, entbehren auch Schaffnerhaeuschen ihres urspruenglichen
Verwendungsszwecks. Auf dem U1-Bahnsteig Moeckernbruecke ist ein Blumenladen in
der Schaffnerabstellkammer eingezogen. Geaendert hat sich dadurch aber nicht viel,
denn so wie es keine Schaffner mehr gibt, gibt es hier auch gar keine Blumen.
Die sind nur fotografiert, auf Pinne gespiesst und in Blumentoepfe gesteckt.
Rosen, Tulpen, Nelken - man kann alle Blumen faken.>Karnation< heisst der Laden.
Blumen-Fleischlichkeit. Vegetarier-Witz? Oder Simulation durch Bilder als
Fleischwerdung im virtuellen Zeitalter? Realitaet ist ja schon oede, irgendwie
dreidimensional. Simulation ist Realitaet 2.0, Hyperrealitaet! Selbst Gott ist nicht
mehr real. Tot, untot, jedenfalls nicht mehr, was er mal war. Seit alle ein hippes
Accessoire namens >Vernunft< mit sich herumtragen, wollen sie nichts mehr
hoeren von Allmaechtigkeit und Gnade oder gar Gottgefaelligkeit und Demut.
Dafuer aber vom Dalai Lama, Reiki, Tantra, Kamasutra, Power-Yoga,
Feng Shui, Chu K'a Selbstmassage, der Kabbala, Eurythmie, Bachbluetentherapie,
Scientologie, Satanismus, Natursekt, Prinzessin Diana und dem Papst.
Simulation kann wirklich Karnation auf Erden sein.Und dann sind da noch die
Autoren und ihr geistiges Eigentum, einst Genies, Dichterfuersten, verdammt
schlaue Leute, auktorial und kurz vor anbetungswuerdig. Kurz nach Gott
mussten auch die dran glauben: Mausetot, weil der Leser jetzt schlau genug ist,
sich seinen eigenen Teil zu denken und den Text ganz gerne selbst konstituieren mag.
Autoren-Attrappen muessen jetzt im Text so karnieren, wie es der Leser gerne
haette und andere Autoren intertextualieren moechten. Kann nicht wenigstens
die BVG den Quatsch lassen und die Haeuschen einfach zunageln, verbarrikadieren,
sie verwaisen, vor sich hin daemmern lassen? Schaffnerhaeuschen-Zombies
waeren wenigstens keine Fleisch-Fakes.
Berliner Gazette Susanne Lederle 05.07.2007