Der Blumenladen war vom 16. April bis 28. September 2007 zu Gast im U-Bahnhof Möckernbrücke. In einem Kiosk auf dem Bahnsteig der U1 Richtung Uhlandstraße.
Ein Kiosk auf einem Bahnsteig in Berlin. Eine lange Fensterfront, darüber ein Schriftzug "der Blumenladen", weiße Schrift auf schwarzem Grund. Hinter den Fenstern ein hell erleuchteter, weißer Raum. Gefüllt mit Blumen, sehr viele Blumen, Schnittblumen, alle gewöhnlichen Sorten. Rosen, Nelken, Tulpen, Gerberas, Narzissen, Ranunkeln und noch einige andere. Alle Schnittblumen, die man im Blumenladen normalerweise so findet.
Die Ware. Wandblumen, Farbfotografien, 10 x 10 cm, auf jeder Fotografie eine Blume, viele verschiedene Sorten, jede Wandblume nur 5 Euro. Schnittblumen, Farbfotografien, rund, auf einem Draht, viele verschiedene Sorten, jede Schnittblume nur 3,50 Euro. Topfblumen, eine Schnittblume in einem kleinen Blumentopf, viele verschiedene Sorten, jede Topfblume nur 8,50 Euro.
Eine U-Bahn fährt ein. „Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!" Eine U-Bahn fährt ab.
Begegnungen am Blumenladen
Am Blumenladen fließen abstrakte Medientheorien zusammen mit hoch subjektiven, persönlichen, biografischen Notwendigkeiten. Es gibt die Fragestellung nach den Aneignungsstrategien für Bilder. Funktioniert ein Handel mit Fotografien auf der einfachen Ebene? Bedarf es eines Überbaus? Hier sind die Erlebnisse der U-Bahn-Monate dokumentiert.
Donnerstag
Ein Zug kommt, ein Zug fährt, ein Zug kommt, ein Zug fährt, Menschen kommen, der Bahnsteig wird voll, ein Zug kommt und fährt, der Bahnsteig ist leer. Dann kommen Menschen und der Bahnsteig füllt sich, es kommen noch mehr Menschen, der Bahnsteig wird voller, gleich kommt der Zug, noch mehr Menschen kommen, dann kommt der Zug.
Menschen steigen aus und ein. Eine Frau schreit: „Entschuldigung sagt man! Erst ein Kind umrempeln und dann nicht entschuldigen. Entschuldigung sagt man!"
16.52 „Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!" Eine dicke Mutter mit einem dicken Kind. Mädchen. Stehen vorm Blumenladen. Gucken. „Blumen", sagt die Mutter. „Blumen", sagt das Mädchen. Dann sind sie weg.
17.40 Junger Mann steht vorm Blumenladen. T-Shirt, Jeans, kurze Haare, dick. Guckt.
„Gibt's hier Blumen?"
„Ja. Alle, die Sie sehen."
„Wie, die aus Pappe?"
„Fotografien. Es sind alles Fotografien."
„Riechen die denn?" Er fasst eine Blume an und quetscht sie zwischen den Fingern.
„Nein."
Er beugt sich vertraulich vor. „Was soll'n das sein?"
„Wie, was soll es sein? Es ist."
„Aha." Geht.
17.41 „Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Freitag
17.53 Junger Typ, dunkelhäutig, schwarze Locken. „Das sind doch keine Blumen. Wenn ich das anzünde hier, brennt die ganze Bude ab."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.07 Junger Typ, hellhäutig, schwarze Locken. „Haben Sie nen Prospekt? Ich finde das hier ne total coole Idee. Super."
„Zug nach Uhlandstraße, zurückbleiben bitte!"
19.01 „Hallo, ich möchte eine Blume erwerben."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Montag
16.25 Junger Typ, Wollmütze in bunten Farben, Lippenpiercing, Rucksack. In der Hand einen Plastikbecher.
„Mahlzeit. Kannst du mir einen Gefallen tun? Was machst du hier eigentlich? Lach nicht. Ich finde das ja gut, was du hier machst. Du arbeitest wenigstens. Nicht so wie ich. Kannst du mir die Münzen hier wechseln, groß machen, in nen Fünfer? Ich dachte, du gibst mir vielleicht noch zwei Euro. Dann hab ich nen Zehner. Es ist nicht für Drogen, weißt du. Ich bin nämlich an Borderline erkrankt, weißt du. Und in zwei Tagen fange ich ne Therapie an. Dann muss ich in die Klinik. Und deshalb sammel ich jetzt noch soviel Geld, wie ich kriegen kann, weißt du. Für Tabak und so. Ich nehm keine Drogen. Nur weil ich diese Arme hier habe, glauben die Leute, ich nehme Drogen. Ich trinke noch nicht mal Alkohol. Weißt du, in der U-Bahn sind die Leute wie ne Tapete. Die hören noch nicht mal zu. Sonst würden sie ja was geben. Aber, es ist ihnen einfach egal. Die einzigen, die was geben, sind die, die selber nix haben. Die geben ihr letztes Hemd. Den andern ist das egal. Ich sag dir mal, wofür die sich interessieren, für Bonzenautos und für teure Handys. Und ich? Ich habe nur dieses Handy für 25 Euro. Das brauch ich ja. Ich bin ja krank."
16.28 „Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Dienstag
Zwei alte Männer.
Der eine: „Ganz schön teuer."
Der andere: „Apothekerpreise."
Der eine: „Drei Euro fünfzig."
Der andere: „Sieht nach nix aus."
Mittwoch
Zwei Wachmänner mit Uniform und Hund. Ein älterer und ein jüngerer. Der ältere redet.
„Wir haben gesagt, das ist so schön bunt hier, da müssen wir doch mal gucken gehen, was das ist. Und, der Kunde kann sich dann da so für fünf Euro eine ausgeschnittene Blume mitnehmen? Ja, das ist immer schwierig mit der Kunst. Man muss das ja zu schätzen wissen. Ich sag mal, wenn ich mir jetzt zu Hause so eine Blume hinstellen würde, dann würden die doch zu mir sagen, „Was hast du dir da denn ausgeschnitten?" Lohnt es sich denn hier? Da investiert man soviel, und richtet das alles her, und dann kommen die Kunden nicht. Ich bin jetzt seit sechs Jahren hier, und da haben immer wieder Leute hier aufgemacht, und sind alle Pleite gegangen. Na ja. Fünf Euro. Das ist mein Stundenlohn. Brutto."
Fünf Euro die Stunde. Soviel verdiene ich nicht.
Donnerstag
Eine Mutter mit Kind.
„Wir warten auf einen Freund und vertreiben uns hier die Zeit. Die kannste ja auch selbst machen, nimmste den Katalog von Obi und schneidest die Blumen aus. Ich mag ja Tulpen sehr gerne, aber die hier sind ein bisschen, na, wie soll ich sagen, langweilig. Na, dann viel Spaß dir noch, mit den Blumen."
Freitag
„Und, heute schon was verkauft? Meinen Job kennst du ja, ich bin Schnorrer. Aber heute habe ich meine Lederjacke angezogen und mein Hartz 4 abgeholt. Einmal im Monat für drei Tage leben, damit man die restliche Zeit über-lebt. Und das mit den Blumen hier, das ist wirklich nur so? Da ist sonst nichts dahinter? Ja, das ist nämlich psychisch gesehen so, wenn das Fundament steht, und völlig frei ist von allem anderen, dann kann man darauf aufbauen. Und dann kann man was richtig Großes darauf aufbauen. Weißt du, wie ich meine? Aber erst muss das Fundament stehen. Und das muss völlig frei sein von allem anderen. Also, völlig frei. Dann kann man nämlich was Neues machen. Das ist die Zukunft. Da geht's hin.
Weißt du, das ist wie mit der Körperverletzung. Wenn ich dir jetzt auf's Maul haue, zack - Anzeige. Oder, wenn man diese Wörter benutzt, Arschloch oder so, zack - Anzeige. Die stehen alle in dem Katalog drin. Aber, man kann auch Menschen anders verletzen. Ohne diese Wörter. Mehr psychisch. Und das ist genauso Körperverletzung. Aber da kann die Justiz heute noch nix machen. Da stehen dann alle dabei und sehen, dass das Körperverletzung ist, aber sie können nichts machen. Noch nicht. Aber da geht die Zukunft hin. Dann können die nämlich genauso verknackt werden. Also, in Zukunft. Weißt du? Ich hab mich jetzt vielleicht ein bisschen ungeschickt ausgedrückt. Aber da geht die Zukunft hin. Mehr psychisch. Und dabei ist das genauso Körperverletzung. Nur, dass sie jetzt da noch nix machen können.
Und genauso ist das mit den Blumen hier. Erst muss das Fundament stehen. Und dann muss es frei sein von allem anderen. Und dann kannst du darauf was richtig Großes aufbauen. Was ganz Neues."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Montag
Ein junges Paar steht auf dem Bahnsteig gegenüber. Türken, schick gekleidet, schön.
Er (brüllt): „Entschuldigen Sie, was ist das denn? Stehen Sie nur zur Dekoration da?"
„Na, was soll's denn schon sein? Das ist ein Blumenladen."
Er: „Und, lohnt es sich?"
„Ist das denn die wichtigste Frage?"
Sie: „Ich hab gerade schon gesagt, das ist total schön."
Er: „Und, lohnt es sich? Was kostet denn so ein Topf?"
„Das kommt auf die Anzahl der Blumen an."
Er: „Zehn."
„Fünfunddreißig Euro."
Er: „Und eine?"
„Na, drei fünfzig."
Er: „Und, lohnt es sich?"
„Na, irgendwie schon."
Sie: „Das sieht total schön aus."
16.14 Der Zug kommt.
Dienstag
Ein Mann. Brille, olivfarbene Armeejacke, Arbeitstasche.
„Na, das ist doch mal was hier. Ich hab das letztens schon bewundert. Na ja, Ideen muss man haben. Nee, ich find das nicht schlecht. Wenn's geht. Läuft's denn? Das wär ja was für mich, ich hab ja keinen grünen Daumen, bei mir geht immer alles ein. Aber, ich nehme ja auch keinen Staublappen in die Hand. Obwohl, man könnte's ja auch einfach wegpusten.
Wenn Sie nachher gehen, gehen Sie mal da drüben an dem Plakat von der Gesundheitsreform vorbei. Und lesen Sie mal den Artikel unten. Haben Sie den schon gelesen? So ein Schwachsinn, diese Gesundheitsreform. Jetzt schreiben die von Reha und so. So ein Schwachsinn. Ich brauche seit Jahren so ein Paar spezielle Schuhe. Achthundert Euro hätte das die Kasse kosten sollen. Haben'se nicht gemacht. Jetzt müssen'se operieren. Wissen Sie, was das die Kasse kostet? Fünfunddreißigtausend. Fünfunddreißigtausend! So ein Schwachsinn."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Mittwoch
Ein junger Mann. Dunkler Typ. Schwarze Haare, schwarze Designerbrille, Kapuzenjacke, Jeans, sehr viel teueres Parfum, Alkoholatem. Spricht deutsch, in merkwürdiger Zusammensetzung, mit Akzent.
Er redet. Er redet ganze fünf Minuten ohne Unterbrechung. Er führt langatmig aus, umständlich und mit vielen Worten, dass unsere Gesellschaft nicht so flach ist, dass sich so ein kindischer Scheiß durchsetzen könnte. „Mal ehrlich, würdest du so einen Scheiß kaufen? Würdest du so einen Topf deiner Freundin schenken? Wenn ich eine Blume sehe, dann habe ich eine Erinnerung daran, an etwas Lebendiges, etwas mit einer Seele. Das hier ist nur flach. Und nur kindisch. So ein Aufwand, den ihr hier betreibt, für etwas, das nicht funktioniert. Das hier ist gar nichts. In unserer Gesellschaft kann etwas nur langfristig erfolgreich sein, wenn es eine Seele hat, wenn es meine Seele berührt, weißt du."
Dann kommt der Zug und er ist grußlos weg. Und ich wünschte so sehr, er hätte Recht.
Donnerstag
Der Zug fährt ein. Die Tür geht auf. Ein sehr kleiner, älterer Mann steigt mit seinem Fahrrad aus. Und schreit: „Kunst kommt von können und nicht von küssen!" Dabei sabbert er ganz entsetzlich und lässt seine Bierflasche fallen.
Freitag
16.57 Eine Dame, mittleres Alter, edel, höflich. Die Kleidung teuer.
„Oh, das ist ja ganz reizend. Was kostet denn so eine Blume? Das ist ja eine sehr schöne Idee. Dann nehme ich so eine Blume im Töpfchen und zwei Schnittblumen. Das ist ja ganz toll. Ich bin nämlich heute Abend zu einem Geburtstag eingeladen. Da ist das ein ganz schönes Geschenk."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.26 Eine Frau, Berlinerin, mittleres Alter, dunkle Haare. Knochiges, verhärmtes Gesicht. Narbige, vertrocknete Haut. Hängende Mundwinkel.
„Guten Tach. Was kost'n so'n Pott mit den Blumen?"
„Na, es geht eher um die einzelnen Blumen. Eine Blume kostet drei fünfzig."
„Was eine Blume? Nä. Also. Nä. Nä, na das ist ja. Nä, also, das gib's ja wohl nich. Nä, also. Und da so'ne Karte soll fünf Euro kosten? Nä. Nä, also, na. Nä! Nä, nä! Das is ja. Also. Nä!
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
wieder Freitag
16.12 Ein älterer Mann auf dem Bahnsteig gegenüber. Halbglatze, die verbliebenen Haare weiß-grau und ungepflegt, ein farbiges Kurzarmhemd und eine billige graue Tuchhose. Er ruft zu mir herüber, deutsch mit osteuropäisch hartem Akzent. „Hallo! Machen Sie das nur zum Spaß, oder bringt das auch was hier?" Er reibt imaginäre Geldscheine zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich reagiere nicht gerade freundlich. „Was soll ich denn darauf antworten?" Ich drehe mich genervt weg. Ich habe heute keine Lust auf diese Frage. Sie langweilt mich. Er gibt nicht auf. „Hallo! Hat schonmal jemand gefragt, so wie ich?"
„Einer? Alle!"
„Ich frage, weil, das sieht so schön aus. Sie sind ein Künstler. Wenn Sie nicht verdienen, tut mir da weh!" Er zeigt mit der Hand auf sein Herz.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
16.25 Ein junger Mann kauft eine Schnittblume. „Ich find das gut. Hat man immer was zum Gucken hier."
16.37 Eine Frau fragt, was meine Absicht hier ist.
16.45 Eine extrem schielende Frau mit starrem Blick kommt vorbei, mit Tüten und Taschen behängt.
„Sind Sie Verkäufer?" „Ja."
„Sind Sie Künstler?" „Ja, könnte man sagen."
„Wie haben Sie denn das hier gemacht?" „Sind Fotografien ..."
„Schön."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
16.57 Die dürre, braune Motz-Verkäuferin. Ich bin bis heute nicht sicher, ob es eigentlich eine Frau ist.
„Na, wie läuft's? Immer besser?"
„Na ja, und auch mal wieder schlechter."
„Ja, ich weiß. Ich muss sagen, diese Woche hab ich das Gefühl, die Leute schlafen alle fast ein, in der Bahn. Aber ich merke das auch selbst, ich schlafe auch fast ein, bei meinen Verkaufsgesprächen."
„Ja, ich glaube, das Wetter macht uns alle langsam fertig. Bei mir war's auch eine eher schlechte Woche."
„Ja, so ist das manchmal. Ich wollte mit meiner Liebsten in Urlaub trampen, zum Glück haben wir das nicht gemacht. Das ist ja nix, mit dem Zelt und allem, bei diesem Wetter, und dann im Matsch sitzen."
„Nein, aber im September wird's bestimmt ganz schön."
„Genau. Da wollen wir dann auch los. Also, mach's gut und viel Erfolg noch."
„Dir auch."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.05 Eine junge Frau. Blonde, lange Haare. Brille, blau-weiß gestreifte Bluse, schwarze Hose, Umhängetasche. Kotzt auf dem Bahnsteig gegenüber. Eine ziemlich große Lache, mit vielen Brocken. Direkt an die Informationssprechsäule. Dann hustet sie noch ein paarmal und spuckt in den Mülleimer, wischt sich den Mund mit Papiertaschentüchern, und trinkt aus einer Wasserflasche. Danach informiert sie die BVG an der elektronischen Sprechsäule und geht.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.05 Ein Mann. Mittleres Alter, Arbeitertyp, graue Haare, karriertes Hemd, kräftig, freundlich.
„Die Idee ist gut. Aber, man braucht da viel Einfühlungsvermögen und Inspiration. Also, ich würde sagen, das ist hier nicht die Gegend dafür. Trotzdem, tschüss."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Montag
18.00 Eine ältere Dame.
„Das sind alles Papierblumen? Das ist ja nett. Und so ein Töpfchen kostet drei fünfzig?"
Sie hält einen Topf mit sechsundzwanzig Schnittblumen in der Hand.
„Nein, eine einzelne Blume."
„Ach eine einzelne Blume? Das ist ja teuer. Also, so ein Töpfchen, da hätte ich ja zugeschlagen. Aber eine einzelne Blume..."
Dienstag
16.47 Die braune, dürre Motz-Verkäuferin, von der ich immer noch nicht weiß, ob sie wirklich eine Frau ist.
„Na, schon die zweite Million gemacht?"
„Ja, klar!"
„Ich auch. Ich bin schon bei der dritten. Ich wünsch dir viel Glück!"
„Dir auch."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.25 Eine Frau mit Hund. Möchte eine Blume kaufen.
„Ich hab auch irgendwo mal was über Sie gelesen. Ich hab noch vier Minuten bis die nächste Bahn kommt. Da muss ich mich jetzt entscheiden. Ich bin extra ausgestiegen, als ich das eben hier gesehen habe."
Sie kauft schließlich eine grüne Nelke.
„Na dann, noch guten Umsatz!"
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Mittwoch
19.35 Tusse. Jung, blond, kurzer Rock.
„Is das'n Blumenladen?"
„Ja."
„Und wo sind die ganzen Blumen?"
„Da."
„Aber..."
Ich hab Feierabend!
Donnerstag
17.40 Auf dem Bahnsteig gegenüber. Eine junge, große, sehr schöne Frau. Lange, schwarze, lockige Haare. Und ein junger Mann mit Rollkoffer. Beide Südländer, Spanier vielleicht. Er kommt gerade vom Flieger, sie hat ihn abgeholt. Sie bleiben stehen. Sie zeigt auf den Blumenladen und redet. Er nickt ab und zu, und stellt Fragen. Sie beantwortet und erklärt. Minutenlang. Dann gehen sie.
Freitag
16.10 Ein freundlicher Berlintourist kauft eine Schnittblume.
„Ich hab das heute Morgen hier gesehen, und da hab ich gedacht, da muss ich doch nochmal herkommen."
16.45 Die nette Motz-Verkäuferin mit den roten Haaren steht auf dem Bahnsteig gegenüber. Sie trägt ein sommerliches Kleid und Sandalen. Und sie ruft zu mir, der ganze Bahnsteig hört mit.
„Hallöchen! Ich fahr auch manchmal in die andere Richtung, siehste ja. Aber ich komm nachher wieder zurück. Heute ist die neue Ausgabe der Motz rausgekommen. Vielleicht verkauf ich ja was. Zeitungverkaufen ist voll gefährlich geworden, hab ich ja letztens schon erzählt. Dass de von Zigeunern zusammengeschlagen wirst, daran hab ich mich ja gewöhnt. Aber heute war's'n Deutscher. Zwei Kopf größer als ich, latscht mich zusammen. Am Potsdamer Platz. Hier, guckt dir das Ei an, das ich hier am Arm hab. Und das tut weh! Jetzt geht's ja schon wieder, aber vorhin. Aber ich hab jetzt erstmal einen beauftragt, der den morgen zusammenlatscht. Ich mein, ich kann mir das doch nicht einfach gefallen lassen! Und die eins fünfzig, die mich das gekostet hat, war's mir echt wert. Bis nachher!"
„Zug nach Warschauer Straße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.20 Ein Mann. Schwarze, lange, glatte Haare, gebräunte Haut, Piercing-Ring in der linken Augenbraue, blaue Arbeiterlatzhose. Und ein schwarzes T-Shirt mit Fantasy-Motiv und der Aufschrift ‚The Triumph of Steel'. Er hält seine Jacke in der einen Hand und eine Bierflasche in der anderen. Seine Gesichtszüge sind leicht indianisch, seine Augen feucht und gerötet.
Insgesamt sieht er aus wie ein dicklicher, betrunkener Indianer im Blaumann.
„Das gibt's ja nicht, da sitzt ja einer drin. Ich fahr hier jeden Tag, und seh das hier jetzt seit Monaten, mit den ganzen Blumen und beleuchtet, und alles. Und jetzt sitzt da einer drin. Nach all den Monaten."
„Na, dann fährst du sonst wohl zu anderen Zeiten. Ich sitze hier immer um die Zeit."
„Ja, ich hab freitags um zwei Schluss. Heute hab ich noch ein bisschen mit Kollegen gefeiert, deshalb bin ich etwas später. Aber ich komm hier jeden Tag vorbei, und heute sitzt da zum ersten Mal jemand drin. Aber, da kann man sie doch nicht alle haben, wenn man sowas hier macht. Oder?"
„Das ist jetzt aber nicht nett."
„Nee. Aber allein die Stromkosten hier, und die Miete, was das alles kostet. Da kann man sie doch nicht alle haben."
„Das ist nicht gerade freundlich."
„Schon morgens ist das hier hell erleuchtet, und nach Monaten sitzt da erst einer drin. Das ist doch teuer. Was das alles kostet. Kauft das denn jemand?"
„Ja, manchmal schon."
„Echt? Ja? Wieviel verdienst du denn hier?"
„Wahrscheinlich weniger als du, egal was du machst."
„Nein, sag das nicht. Ich schleppe Möbel. Für sozial Schwache. Ich krieg eins fünfzig die Stunde. Da verdienst du bestimmt mehr."
„Na ja."
„Aber du musst dir doch was dabei gedacht haben, dass du das hier machst?"
„Ja klar, es ist ein Experiment, um genau das rauszufinden, was hier passiert."
„Wie, du hast dir gar nichts dabei gedacht?"
„Doch, ich hab mir was dabei gedacht. Nur das Ende ist offen."
„Jeder Maler und jeder Bildhauer denkt sich doch etwas bei dem, was er macht. Und du hast dir gar nix dabei gedacht?"
„Doch, ich hab mir was dabei gedacht. Genau das, was du hier siehst."
„Und was bedeutet das denn hier, mit der Inkarnation?"
„Karnation. Es heißt karnation."
„Ja, Reinkarnation. Wiedergeboren werden. Aber, du glaubst doch nicht, dass man als so ein Plastikblümchen wiedergeboren wird. Da will ich doch lieber als Regenwurm wiedergeboren werden. Viel lieber! Aber doch nicht als Plastikblume. Da will ich ja lieber in die Hölle, als so'ne Plastikblume zu werden. Aber es kommt auch auf die Umgebung an. Was hier ganz normal ist, fällt woanders total auf. Das ist wie damals, zweiundneunzig. Da waren wir mit ein paar Leuten an der Loreley, bei so'nem Open-Air-Konzert. Drei Punker und zwei Rocker. Und als wir dort in dem Ort dann in die Kneipe sind, da sind die alle auseinander gegangen. Die haben richtig Spalier gemacht, bis zur Theke. Und uns angestarrt. Das kannten die gar nicht, dort. Und in Berlin war das ganz normal. Ja, so ist das manchmal. Es kommt auf die Umgebung an. Und was machst du hier eigentlich, Verhaltensforschung, oder so was? Und dann wartest du bis so'n Russe kommt, und hier alles aufkauft? Oder was? Na ja."
Er geht. Nach links, zur Rolltreppe.
Zwei Minuten später kommt er von rechts wieder. Er hat sich ein neues Bier gekauft.
„Nur noch eine Frage, dann bin ich sofort weg."
Das ‚sofort' dauert dann einige Minuten. Dann fragt er.
„Bleiben andere denn hier auch stehen?"
„Ja, aber keiner so lang wie du."
Dann geht er wieder nach links ab.
Kurz danach kommt er von rechts wieder. Er ist ganz ernst.
„Das ist nur, weil Sie so sympathisch sind. Doch wirklich. Das ist mir gerade auf der Rolltreppe eingefallen."
Dann geht er wieder nach links ab.
Montag
16.47 Ein junger Mann kauft drei Schnittblumen. Gelb, orange und rot.
17.32 Der grauhaarige Pfandflaschensammler mit dem grauen Seniorenblouson und der enorm dicken Nase trägt heute eine KaDeWe-Tüte.
18.21 Ein großer, schöner Mann mit schwarzem Jacket und Cowboyhut. In der linken Hand eine verpackte Gitarre, in der rechten Hand einen großen Rollkoffer. Geht vorbei und guckt interessiert.
Dahinter ein Mann mit zwei Krücken und Rucksack. Humpelt vorbei.
18.30 Eine Krähe sitzt an der Bahnsteigkante, genau gegenüber.
18.50 Eine ältere Frau mit schwarzen Haaren in Begleitung einer ganz alten Frau mit silbrig-weißen Haaren. Beide Frisuren absolut identisch. Ganz genau wie Mireille Mathieu.
19.11 Ein Punkerpärchen. Sie: „Das Ding hat ja mal offen."
Dienstag
17.00 Ein alter Mann zu einer jungen Frau, beide stehen direkt vorm Blumenladen.
„Guck mal, der Mann hat die schönsten Blumen von Berlin. Du darfst dir eine bei ihm kaufen."
Er grinst dämlich, sie guckt verwirrt. Ich auch.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.11 Die braune, dürre Motz-Verkäuferin, von der ich immer noch nicht weiß, ob sie wirklich eine Frau ist.
„Na, wieder aus'm Urlaub zurück? War's schön?"
„Ja, es war sehr schön. Und erholsam."
„Ja, ich will ja jetzt auch mal los, mit meiner Freundin, aber nur zehn Tage, vierzehn vielleicht. Da bei Dresden, na, wie heißt das nochmal. Die Schweiz. Also nicht die richtige Schweiz, da, so ne Gebirgsformation, bei Dresden. Wir waren da schonmal. Mit Rucksack und so. Da hatten wir Glück mit dem Wetter. Nur an einem Tag, da hat es richtig geregnet. Wir waren im Zelt und ich hab's gar nicht gemerkt, na gut, ich hatte mir auch richtig einen hinter die Binde. Da kam meine Freundin und sagte, ich käme jetzt besser mit ihr mit, oder ich würde mit der Elbe davonschwimmen.
Da hat mich doch eben einer angemacht, die Motz sei so teuer, eins zwanzig, ich solle mal gucken, was die B.Z. kostet. Der kennt noch nicht mal den Unterschied zwischen einer Zeitung und einem Magazin. Ich hab früher auch Spiegel und Stern gelesen, und auch mal die B.Z., wenn ich blutige Geschichten brauchte. Kann ich mir heute nicht mehr leisten, höchstens gebraucht. Macht der mich an, ich soll doch arbeiten gehen, als ob Zeitungverkaufen keine Arbeit wäre.
Verkaufste in dem Kiosk Zeitungen, biste anerkannt, verkaufste se inner Bahn, biste Penner. Na ja, ich lass das nicht lange an mich ran. Ich kann ja jetzt nicht in der Bahn rummuffeln: „Kauft Zeitungen, ihr Schweinebacken!"
Na dann, man sieht sich, mach's gut."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.51 Eine junge, freundliche Frau.
„Hallo, ich möchte eine Blume kaufen. Aber du schreibst jetzt nicht alles auf, was ich sage, oder? Ich hab das nämlich auf deiner Internetseite gelesen."
Also habe ich es nicht aufgeschrieben.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.27 Der Mann mit Armeejacke und Brille.
„Mensch, das einzig Schöne in der ganzen Gegend hier, ist dein Laden. Das ist zum Kotzen hier, alle vierzehn Tage muss ich mal hier vorbei, zum Hermannplatz. Und das wird immer ekeliger hier, Mensch, immer aggressiver. Die fassen einen sogar schon an. Es ist zum Kotzen, Mensch. So, noch fünf Minuten. Mensch, ich kann nicht mehr. Was kostet denn eigentlich drei fünfzig? Ein so'n Ding oder ein ganzer Topf? Na trotzdem, der Laden ist sehr schön, aber das hab ich ja schon gesagt. Und ihr seid dauernd in allen Zeitungen drin. Aber das weißt du wahrscheinlich."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.40 Ein Mann. Dunkelhaarig, unrasiert, gutaussehend. Typ George Clooney, mit Rucksack und Regenjacke.
Steht vor mir und fotografiert mir direkt in die Fresse.
Dann geht er.
19.05 Ein Mann. Glatze, getönte Brille, graue Jeansjacke, Wiener Dialekt. Nervös.
„Was kostet denn so ne Karte?"
„Fünf Euro."
„Hm. Habt ihr das hier fest gemietet?"
„Nein. Ich bin noch zwei Monate hier."
„Ach so. Hm. Was kostet das denn hier, wenn man fragen darf?"
„Das kann ich nicht sagen."
„Ja. Hm. Weißt du's nicht?"
„Doch. Aber ich sag's nicht."
„Ach so. Hm."
Geht.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Mittwoch
Ich wohne jetzt genau seit sieben Jahren in einer Hinterhauswohnung, fünfte Etage. In der dritten Etage wohnt eine türkische Migrationshintergrundfamilie. Der Vater grinst immer freundlich, ist schon immer arbeitslos, und kennt außer „Hallo!" kein deutsches Wort. Die Mutter muss immer arbeiten und einkaufen und auf die Familie aufpassen. Und zwei Söhne. Der ältere von beiden ist in den sieben Jahren vom pubertierenden Jungen zum jungen Erwachsenen geworden, und wohnt inzwischen in einer eigenen Wohnung im Nachbarhaus. Wir führen seit Jahren den immerselben Dialog, immer wenn wir uns begegnen. Er sagt freundlich „Hallo!" und ich sage freundlich „Hallo!". Das würde mir reichen. Aber er hat wohl in irgendeiner Migrationshintergrundschule gelernt, dass es höflich und notwendig sei, sich nach dem Befinden zu erkundigen. So wie bei den Amerikanern. Nur halt auf Deutsch. Also sagt er dann immer: „Na, wie geht's dir?" In den ersten Jahren sagte er immer: „Na, wie geht's Ihnen?" Das konnte ich ihm abgewöhnen.
Also, er sagt immer: „Na, wie geht's dir?" Und ich antworte immer: „Gut geht's. Danke." Und er sagt dann immer: „Na, es muss ja. Ja?"
Ich habe zwischendurch mal versucht, die Befindlichkeitsfrage auch an ihn zu richten, weil ich mein Verhalten unhöflich und ignorant fand, und dachte, ich müsse sein Verhalten pädagogisch wohlwollend würdigen, aber dann kam dieselbe Antwort von ihm. Und außerdem finde ich diese Fragerei lästig und total doof.
Heute, als ich mich auf den Weg zum Blumenladen machte, begegnete ich ihm im Treppenhaus. Ich sagte „Hallo!". Er sagte „Hallo!". Ich war eigentlich schon an ihm vorbei, da sagte er: „Isch hab mal schmnn kurze Frage scshmnm. Was ist denn scchmmn Blumen schmmnn mchhn? Isch hab scchmmn nämlisch scchmmhn gesehen. Ist das Kunst, oder so?"
Ich: „Ja, sowas in der Art."
Er: „Ah so, ja. Nee, macht ja nix."
Dann bin ich weitergegangen.
Donnerstag
18.12 Der Zug kommt an. Ein junges Paar steigt aus und bleibt am Blumenladen stehen.
Er: „Schnittblumen?"
Sie: „Verstehe ich nicht."
Dann gehen sie weiter.
18.16 Ein schöner, junger Mann gegenüber. Er zieht seine Jacke aus. Darunter trägt er ein grünes T-Shirt. Mit der Aufschrift ‚Zimtstern'.
18.33 Drei ältere Männer auf dem Bahnsteig gegenüber. Diskutieren laut, was das wohl ist, mit dem Blumenladen da. Zeigen mit Fingern auf mich. Dann reden sie über Lebensmittel. Einer sagt laut: „Pumpernickel". Dann kommt der Zug.
18.43 Eine junge, sehr dicke Frau. Mit Lippenpiercing und Krücke.
„Hallo. Sag mal, kannst du mir zehn Euro wechseln?"
„In Münzen?"
„Nein, in einen Schein. Münzen hab ich. Fünfzig-Cent-Münzen."
„Nein, tut mir leid. Die kann ich nicht gebrauchen."
„Och, bitte! Oder wenigstens fünf Euro?"
„Nein, wirklich nicht. Ich kann die Münzen auch nicht gebrauchen."
Geht.
Freitag
16.02 Ein junger Migrationshintergrundprolltürke.
„Was soll'n das sein?"
„Ein Blumenladen."
„Ha ha, sehr witzig."
„Ich habe es nicht als Witz gemeint."
„Was soll'n das sein? Erklären Sie's mir bitte! Da soll man so Papierblumen kaufen? Für drei Euro fünfzig? Damit macht man doch keinen Umsatz. Hat das schonmal jemand gekauft? Was soll'n das sein?"
„Es ist genau das hier. Es ist kein Geheimnis dahinter."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.12 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägt heute eine dunkelblaue Tuchhose und ein Kurzarmhemd in gedeckten Erdtönen. Und in der Hand eine dunkelblaue Plastiktüte.
Ruhige Freitagstimmung. Ein Zug kommt, ein Zug fährt.
17.17 Zwei Securitas-Wachleute. Ein Mann mit grauem Bart und eine Frau mit roten Haaren. „Hallo!" „Hallo!"
Ein Zug kommt, ein Zug fährt.
18.20 Der Schnorrer.
„Heute ist Donnerstag, was?"
„Nein, Freitag."
„Ach, Freitag? Ich dachte, du bist nur donnerstags hier."
„Nein, jeden Tag."
„Ach so."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
19.07 Ein Cowboy. Jeans, hellbraune Wildlederweste, rotes Halstuch, Cowboyhut. In der linken Hand trägt er einen großen, alten Reisekoffer. Er läuft den Bahnsteig entlang und guckt in jeden Mülleimer.
Montag
17.28 Zwei Holländerinnen. Steigen aus dem Zug. Eine liest.
„Jede Schnittblume nur drei Euro fünfzig. Een so bloemetje?"
Dann gehen sie.
18.32 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägte eine dunkle Hose und ein hellblaues Poloshirt.
Dienstag
17.18 Zwei junge Franzosen. Der eine blond, der andere dunkelhaarig. Springen aus dem Zug, als sie den Blumenladen sehen. Gucken lange. Kaufen eine Topfblume. Fragen mich auf Englisch, ob ich denn auch größere Mengen produzieren könne. Ein oder zwei tausend. Das wird schwierig.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.44 Eine Frau gegenüber. Ganz in Grün. Sie trägt einen Rock in Jägergrün, eine hellgrüne Bluse, lindgrüne Leinenschuhe und eine hellgrüne Haarspange. Und eine große Umhängetasche, hellgrüner Stoff. Und sie läuft an zwei roten Krücken.
„Zug nach Warschauer Straße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.13 Die dürre, braune Motz-Verkäuferin. Sie trägt ein ganz enges T-Shirt. Jetzt bin ich sicher, dass es wirklich eine Frau ist.
„Na, wieder bei der Arbeit?"
„Ja."
„Du warst in Urlaub?
„Ja, aber ich bin schon über eine Woche wieder da."
„Du warst auch nicht lange weg?"
„Eine Woche."
„Das war ja ein sehr kurzer Urlaub. Wir wollen ja nun auch bald los. In die Sächsische Schweiz."
„Ja? Wann wollt ihr denn los?"
„Am fünfzehnten. Und dann mal sehen. So lange das Geld reicht. Einfach mit dem Zelt und so. Und du? Warst du bei Eltern?"
„Nein, wir waren mit ein paar Leuten in einem Haus in Mecklenburg. Ganz ruhig."
„Ja, einfach mal raus aus der Stadt."
„Ja."
„Na, denn."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Mittwoch
17.05 Ein alter Mann. Dreckig, weiße Haare, Bartstoppel, zerschlissenes, schmuddeliges Jeanshemd, höchstens fünf Zähne im Mund. Plastiktüten in der Hand. Bleibt am Blumenladen stehen.
„Darf ich Ihnen eine Blume abkaufen?"
Ich gucke irritiert und total dämlich. „Ja."
„Ich nehme so eine gelbe."
„Ok." Ich gucke immer noch dämlich.
„Ich stand vor kurzem mit meiner Tochter hier. Der will ich sie schenken. Die weiß nämlich die Natur nicht zu schätzen. Und wenn jemand etwas nicht versteht, dann gebe ich immer kleine Hinweise."
Ich gucke immer noch dämlich und packe die Blume ein.
„Was macht das? Fünf Euro?"
„Na, sagen wir ein Euro."
„Das ist doch mal was."
Er strahlt und holt eine Handvoll Münzen aus der Tasche. Ich gucke immer noch dämlich.
„Sie wünscht sich auch seit Jahren, einmal die Grabstätte von Tutanchamun zu sehen. Deshalb habe ich ihr jetzt eine Reise geschenkt. Ägypten ist ein sehr beeindruckendes Land."
„Ja."
„Jetzt mal Hand auf's Herz, welches ist denn Ihre Lieblingsblume?"
„Oh, das kann ich gar nicht genau sagen."
„Meine ist die Ackerwinde. Die klettert bis zu vier Meter hoch. So stark."
„Aha."
Er reicht mir einen Euro mit seinen dreckigen Fingern, nimmt seine Blume, verabschiedet sich freundlich, und geht.
Und ich gucke immer noch ziemlich dämlich.
Donnerstag
18.07 Die rothaarige Motz-Verkäuferin. Steigt aus dem Zug. Heute ist sie privat unterwegs, ohne Zeitungen. Eine Dose Cola in der Hand, Handy am Ohr.
„Ich hab gehört, die im Altersheim, die kaufen viele Plastikblumen und sowas. Mach doch da mal Werbung."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.27 Ein junger Mann. Schlank, Glatze, schwarzes Trägershirt.
„Das ist ja herzallerliebst."
‚Herzallerliebst' ist ein schönes Wort. So altmodisch.
Freitag
18.03 Ein Ehepaar, gutsituiert, mittleres Alter. Sie stehen am Blumenladen und reden miteinander. Ich höre nur die Frau.
„Schnittblumen nur drei fünfzig." ... „Doch, sicher. Ich nehme so eine mit." ... „Doch, das wird sie verstehen, ich werde es ihr erklären." ... „Warum soll sie das nicht verstehen? Das ist doch schön." ... „Ich nenne das Gebrauchskunst." ... „Wir kommen schließlich zur Frau eines Künstlers. Sie wird Spaß daran haben."
Sie kauft schließlich eine rote Gerbera.
„Das wird gut ankommen. Mein Mann ist sich da ja nicht so sicher."
Ihr Mann ist ein paar Meter entfernt stehen geblieben und guckt missmutig.
18.50 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägt eine dunkle Hose und ein Kurzarmhemd mit blauen Streifen.
Montag
16.25 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägt eine dunkle Hose und das Kurzarmhemd mit den Erdtönen.
Dienstag
16.49 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägt eine dunkelblaue Hose und das Kurzarmhemd mit den Erdtönen.
17.10 Ein junger Mann steigt aus dem Zug. Sorte aufstrebender Geschäftsmann. Dünne Haare, schwarze Kleidung.
„Nun erzähl mal, was das hier ist. Ich bin extra aus dem Zug ausgestiegen."
Also erzähle ich, dass das hier ein Blumenladen ist, dass er hier Blumen kaufen kann, und so weiter.
„Kann ich die denn zusammenklappen, ich muss sie auf einer weiten Reise transportieren? Mal sehen, was nehme ich denn? Vielleicht ein paar Sonnenblumen." Er zeigt auf die gelben Gerberas.
Er nimmt schließlich sechs Schnittblumen, eine Topfblume und noch eine Nelke aus dem Sonderangebot. „Mensch, in dieser Stadt kann man ja richtig Geld ausgeben."
Dann fotografiert er den Blumenladen und erzählt, dass er die Blumen mit nach China nimmt, als Geschenke. Ich packe die Blumen ein und er kriegt gerade noch den nächsten Zug.
Was nun passieren wird, ist klar. Die beschenkten Chinesen werden staunen über die tolle Idee aus Deutschland, dann werden sie die Blumen ein paar hundert ihrer Verwandten zeigen, die werden dann in Heimarbeit billige Kopien basteln und mit den Blumenladenblumenimitaten den Markt überschwemmen. Binnen weniger Wochen wird der Weltmarktpreis für Fotoblumen im Keller sein.
Mittwoch
16.10 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägt eine dunkle Hose und das blau gestreifte Kurzarmhemd.
18.55 Ein älterer Mann mit Rucksack und Einkaufstüte. Er kauft eine Topfblume.
„Ich habe hier mal mit meinem Sohn eine Blume gekauft. Für seine Mutter. Die fand das überhaupt nicht lustig. Aber ihm hat das sehr gut gefallen. Und jetzt ist er im Krankenhaus. Jetzt schenke ich ihm so eine Blume. Ja, es ist nicht leicht mit Depressionen. Aber jetzt hat er ja eine Blume, um sich daran zu erfreuen."
Donnerstag
16.35 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase trägt eine graue Hose und das Kurzarmhemd in Erdtönen.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
16.45 Ein junges Paar steigt aus dem Zug. Zwei Menschen der Sorte, die normalerweise am frühen Nachmittag in Talkshows sitzen, extrem hässliche Jeans und geschmacklose Shirts tragen, und sich gegenseitig irgendwelcher Dinge bezichtigen.
Diese beiden steigen jedenfalls aus dem Zug und gehen am Blumenladen vorbei.
Er sagt: „Die welken wenigstens nicht."
Darauf scheuert sie ihm eine ins Gesicht und es knallt so laut, dass der ganze Bahnsteig guckt.
Dann gehen sie weiter.
18.20 Zwei halbstarke Jungs auf dem Bahnsteig gegenüber. Der eine malt seine Schmierereien mit Farbe an die Wand, der andere tut als passe er auf, dass keiner kommt. Ich glaub's ja wohl nicht. Die stört noch nicht mal, dass ich hier sitze und das sehe. Ich fühle mich missachtet.
Also brülle ich rüber: „Ey, Arschloch, mach dass du verschwindest. Aber schnell! Ich glaub's ja wohl nicht."
Darauf brüllt der Maler zurück: „Na warte, ich komm dir gleich rüber. Das hier ist mehr Kunst als das, was du da machst!"
Freitag
16.46 Eine ältere Frau. Berlinerin, dick, gehbehindert, mit Stock.
„Entschuldigen Sie. Zum Theodor-Heuss-Platz. Bin ich richtig ?!"
„Da fahren Sie am besten von hier bis zum Wittenbergplatz und steigen dort um in die U2."
„Nach Ruhleben, hier, ja?"
„Na, die U1 fährt nur noch bis Uhlandstraße."
„Nein, da möchte ich nicht hin."
„Eben. Deshalb habe ich ‚umsteigen' gesagt."
„Ja."
Montag
17.40 Ein Mann.
„Da können Sie mal sehen, wie krank diese Welt ist, wenn sich so'n Dreck verkaufen lässt."
18.10 Junger Mann, Migrationshintergrund, sitzt auf der Bank auf dem Bahnsteig gegenüber. Hustet, rotzt seinen Schleim auf den Boden, und kaut an seinen Fingernägeln.
18.12 Der Zug kommt, der Zug fährt. „Zurückbleiben bitte!" Der Bahnsteig ist leer. Und ganz ruhig. Für einen kurzen, sehr schönen Moment.
Dienstag
16.00 Ein junger Mann.
„Ich warte schon seit einer halben Stunde hier. Ich möchte eine rote Rose."
16.59 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase. Schwarze Hose, grauer Seniorenblouson.
17.08 Die rothaarige Motzverkäuferin. Ganz ernstes Gesicht.
„Tachchen. Kannst du mir zwei Euro bis morgen pumpen?"
„Na klar."
„Du bist'n Goldstück. Wunderschönen Tach noch."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
19.24 Die rothaarige Motzverkäuferin. Sie gibt mir einen Euro zurück.
„Hier hast du schon mal einen Euro zurück."
„Lass den Rest gut sein, ist'n Geschenk."
„Danke. Hat mir auf jeden Fall irre viel geholfen."
19.27 Ein cooler, junger Mann.
„Ich möchte zwei Blumen kaufen. Und zwar folgender Sachverhalt. Ich möchte sie für die Mutti von einem Freund, die mir vor langer Zeit einmal sehr geholfen hat. Ich nehme eine Nelke und eine Tulpe. Vielleicht können Sie mich beraten."
Ich sage ihm, dass eine Nelke als Geschenk nicht immer gut ankommt. Und dass man auch ein bisschen auf die Symbolik achten muss bei Blumen. Dann frage ich ihn, wie alt die Mutti denn sei.
„Na, so Mutti-Alter halt. Ich weiß nicht. Vielleicht vierzig."
Ich empfehle ihm, vielleicht besser zwei Tulpen zu kaufen. Das findet er gut. Er gibt mir dann noch einen Euro Trinkgeld. Für die gute Beratung.
Mittwoch
16.52 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase im grauen Seniorenblouson.
17.55 Eine Mutter mit ihrem Sohn.
„Ich hab eine Frage, warum verkaufst du das denn hier?"
„Warum denn nicht?"
„Ja, aber warum? Ich frage das ernst."
Ich weiß darauf keine Antwort. „Das sind Fotografien von Blumen, und die verkaufe ich hier."
„Und die hast du fotografiert?"
„Ja."
„Und sind alle echt?"
„?"
Der Sohn (genervt): „Klar sind alle echt. Was soll's denn sonst sein?"
Die Mutter: „Na, es könnten ja auch Plastikblumen sein. Und das kaufen Menschen?"
„Ja."
„Und wie lange machst du das schon?"
„Seit fünf Jahren. An unterschiedlichen Orten."
„Ich find's ja interessant. Aber vom Feng Shui ist das ja ganz schlecht, wenn man sich so was Künstliches in die Wohnung stellt. Lieber Echtes."
Der Sohn (genervt): „Komm jetzt! Wir müssen zum Zahnarzt."
18.21 Die rothaarige Motz-Verkäuferin. Ohne Zeitungen.
„Tachchen. Ich hab morgen meinen ersten Komparsenjob. Und will da nicht so blank hingehen, wie ich bin. Kannst du mir nen Fünfer leihen?"
18.36 Ein hagerer Mann mit Kapuzenjacke.
„Das ist doch hier'n Kunstprojekt? Das ist doch keine Geschäftsidee, oder?"
„Na, beides."
„Dann viel Glück im digitalen Zeitalter. Das hier kann doch jeder selbst machen."
18.40 bis 19.05 Eine völlig durchgeknallte, wahnsinnige Asiatin.
„Darf iss sprecchen mit Ihn?" Sie redet fünfundzwanzig Minuten ununterbrochen auf mich ein. Sie erzählt von ihren Erlebnissen heute beim Arbeitsamt, dass sie betrogen werden sollte, über die Ungerechtigkeiten der Welt, über ihr Leben in den letzten dreißig Jahren in Deutschland, und vieles mehr. Und ich verstehe nichts. Überhaupt nichts, nichts, nichts.
Donnerstag
16.10 Die rothaarige Motz-Verkäuferin.
„Sobald mein Mann sein Geld überwiesen bekommt, kriegst du deinen Fünfer wieder. Und heute Abend gehe ich in so ein Theater Probearbeiten. Was'n Glück, dass ich ne Telefonflatrade habe, so viel wie ich telefoniere auf Jobsuche. Und so wenig kommt dabei rein."
17.31 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase im grauen Seniorenblouson.
18.07 Eine dicke, debile Frau. Blonde Haare, Mickey-Maus-Mütze, rosa Pullover, Pickel, Brille.
„Ah, da ist ja der Mann aus'm BVG-Heft. Der Blümchenfotograf. Hähä. Eine ganze Seite über Sie habe ich gelesen. Schöne Idee, aber Sie gehen ja bald raus. Warum das denn? Hat man Sie rausgeschmissen? Wann kommt denn hier mal'n richtiger Blumenladen rein? Hähä, Blumen drei fünfzig. Die kosten ja sogar was. Hähä."
18.25 Ein junges Paar gegenüber. Sie machen mit ihrer Digitalkamera Fotos vom Blumenladen.
Dann kommt der Zug.
18.32 Eine ältere, fröhliche Frau. Kurze, graue Haare und ein rotlackierter Fingernagel.
„Ich habe das im BVG-Heft über Sie gelesen. Und da bin ich mal hergefahren, weil ich sowieso unterwegs war."
Sie kauft fünf Schnittblumen. „Und so ne Pissnelke nehme ich auch noch."
19.04 Ein junges Paar. Franzosen. Er kauft eine Nelke für sie.
Freitag
16.00 Eine Frau. Sie wartet schon am Blumenladen.
„Ich wußte nicht, wann Sie geöffnet haben."
Sie kauft fünf Schnittblumen.
„Die stelle ich in den Flur. Die welken wenigstens nicht."
16.49 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase im grauen Seniorenblouson.
17.52 Eine Frau.
„Gute Idee. Ich hatte in dem BVG-Heft über Sie gelesen. Und musste heute hier hin. Aber heute Morgen waren Sie nicht da. Sie sind noch bis Ende des Monats hier? Gute Idee, wirklich."
18.47 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet.
„Tachchen. Mensch, da ist heute die neue Motz rausgekommen. Und da hab ich mich so gefreut. Und jetzt läuft die nicht. Und alles so teuer. Da hab ich mir von der Schauspielschule die Unterlagen schicken lassen. Ist das teuer. Aufnahmegebühren und Studiengebühren. Und jetzt kauft keiner die neue Motz. Bis später."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
19.15 Ein schwuler Italiener. Klein und dicklich. Behängt mit zwei großen Einkaufstüten eines überteuerten Mitte-Pseudo-Designladens. Er fragt mich auf Englisch, was die Blumen kosten. Er hält einen ganzen Topf in der Hand. Als ich ihm sage, dass eine Blume drei fünfzig kostet, zieht er eine blöde Fresse und wendet sich entrüstet ab. „One flower?" „One flower."
Dann kommt sein Freund hinzu und sie diskutieren lange auf Italienisch. Dabei zupft der kleine Italiener immer wieder einzelne Blumen aus meinen Töpfen und betrachtet sie verächtlich. Schließlich kauft er eine Blume. Ich packe sie liebevoll in Papier ein, und gebe sie ihm für drei Euro. Er stopft sie in seine Tüte, zieht immer noch eine verächtliche Fresse, und verschwindet grußlos. Sein Freund verabschiedet sich mit einem freundlichen Nicken und läuft hinterher.
Montag
16.17 Ein junges Paar mit Baby. Blonde Frau, dunkelhäutiger Mann. Er hat das Baby vor sich hängen.
Sie: „Wir haben uns immer gefragt, das ist nur Kunst hier? Oder kann man das auch kaufen?"
„Klar kann man das kaufen. Es stehen überall Preise dran. Es ist ein Laden."
„Ach, und wir haben gedacht, das sei Kunst."
„Es ist ja auch Kunst. Und man kann die Blumen kaufen."
Sie wollen eine Blume kaufen. Während sie aussuchen, fängt das Baby an zu quengeln.
Sie: „Oh, ich glaub du musst mal trinken, Schatz. Sie hat schon lang nicht mehr getrunken."
Sie packt ihre linke Brust aus und drückt das Baby dran. „Au, das ist die wunde Brust, die hast du ganz wund gebissen, Schatz. Oh, ich möchte dort die rote Ranunkel haben."
Er kauft für sie die rote Ranunkel, sie verabschieden sich freundlich und gehen.
Dienstag
16.31 Ein Mann mit Bierflasche und hochrotem Kopf steht vorm Blumenladen. Der Zug fährt gerade ein.
„Ich bin die ganze Zeit am Überlegen, aber ich muss jetzt weiter, leider. Das ist entweder'n Aprilscherz oder dreist."
Dann steigt er in den Zug ein, und brüllt aus der offenen Tür, ganz fassungslos, die Stimme sich überschlagend: „Billig! Da steht billig!"
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.01 Minderbemittelte, prollige Dumpfbacke. Steigt aus dem Zug und brüllt:
„Damit kann man Geld verdienen?"
17.58 Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig stehen zwei Menschen und lesen im BVG-Heft. Ein älterer, grauhaariger Mann und eine mittelalte Frau. Sie steht mir direkt gegenüber und liest den Artikel über mich. Sie schaut immer mal wieder hoch, über das Heft hinweg, auf den Blumenladen. Eine bizarre Situation.
18.08 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet, rennt vorbei. „Tachchen."
18.19 Zwei bullige, junge Männer. Migrantenhintergrund. Stellen sich beide direkt vor mich, drehen mir die Rücken zu. Sie versperren mir die Sicht. Sie sagen etwas zueinander, das ich nicht verstehe. Dann drehen sich beide zu mir um. Der eine nimmt einen Topf mit Blumen in die Hand. „Wollte ich immer schon mal anfassen." Der andere fragt mich: „Ey, was zahlst'n Miete hier?"
Ich sage ihm, er habe sicher Verständnis dafür, dass ich ihm das nicht sagen würde. „Wieso nicht?" Dann kommt der Zug und die beiden verschwinden.
Mittwoch
16.20 Ein Zug fährt ein. Eine Jungfamilie steigt aus. Frau, Mann, zwei Kinder, ein Kinderwagen. Sie gehen vorbei, finden das „Blumenprojekt" lustig. Die Frau kommt nochmal zurück.
„Hallo. Kostet eine Blume drei fünfzig?"
„Ja."
„Oh. Das ist mir zu teuer. Tut mir leid, wir haben so wenig Geld. Und wir müssen auch noch was essen."
Donnerstag
19.02 Ein Mann. Älter, grauhaarig, Türke, taubstumm. - Also, vor mir steht ein älterer, taubstummer Türke und erzählt mir in einer Phantasiegebärdensprache scheinbar lustige Geschichten. Ich fasse es nicht. Das hatte ich noch nie. Er kann tolle Grimassen schneiden, den Mund ganz breit machen und mit den Augen rollen. Wie ein Clown. Ich habe keine Ahnung, was er mir erzählt. Ich glaube es heißt, er findet die Blumen ja ganz toll, aber sie seien ja so teuer. Und er sei verheiratet. Wenn er mit einem solchen Blumenstrauß nach Hause käme, würde seine Frau ihm eins mit der Bratpfanne überziehen. Also, das hab ich verstanden, aber vielleicht hat er auch was ganz anderes gesagt.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Freitag
16.16 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet, rennt vorbei. „Tachchen."
16.25 Ein Mann. Steht vorm Blumenladen, raucht, schaut sich die Blumen an, schüttelt den Kopf.
„Chef, wer kauft so was? Mal ne bescheidene Frage."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.02 Ein Zug fährt ein. Ein Mann steigt aus. Struppige Locken, schlechte Zähne, Plastiktüte in der Hand. Und eine Alkoholfahne, dass ich fast vom Stuhl falle.
„Oh la la. Eins, eins. Eins kostet drei fünfzig?"
„Ja, eins."
„Also, ein so Blume? Nicht ein Topf?"
„Eine Blume."
„Ist was Besonderes?"
„Ja."
„Ja, das überleg ich mir mal noch."
„Ja."
18.10 Eine junge Frau. Hellrosa Hose, dunkelrosa Kapuzenjacke, rosa Mütze mit Comic-Motiv. Sonnenbrille, kaugummikauend, in der Hand ein Einkaufstüte und ein paar eingepackte Schnittblumen.
„Eine, eine Frage. Wie sindn Sie darauf gekommn so Fotografien von Blumn zu verkaufn?"
„Oh, das hat sich so entwickelt."
„Das hab ich noch nie gesehn, so was."
„Das ist ja auch der einzige Laden dieser Art."
Sie guckt mich blöd an, dann kriegt sie Schluckauf. Und schon wieder schlägt mir eine Alkoholfahne entgegen. Dann kommt der Zug.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.17 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet, läuft vorbei und winkt.
Montag
16.00 Menschen warten schon vorm Blumenladen. Kaufen Blumen, freuen sich, gehen.
17.46 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase im grauen Seniorenblouson.
18.17 Drei Fahrkartenkontrolleure in Uniform stehen auf dem Bahnsteig gegenüber. Einer zeigt mit dem Finger auf mich und erklärt seinen Kollegen, dass dort so eine Blume drei Euro fünfzig kosten soll. Die Kollegen murmeln ihr Unverstehen in unverständlichen Bemerkungen. Alle sind sich einig und glotzen.
„Zug nach Warschauer Straße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.43 Wieder der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase im grauen Seniorenblouson.
18.59 Zwei Männer sitzen auf dem Bahnsteig gegenüber. Blaue Arbeitsklamotten, dreckig. Trinken Bier und rauchen. Und brechen immer wieder in lautes Gelächter aus. „Blumenladen, ey!" Und wieder Gelächter. Und wieder „Blumenladen!". Die beiden haben richtig viel Spaß.
Der Zug kommt, der Zug fährt. Die beiden sitzen immer noch da. Reden, zeigen mit Fingern auf mich, lachen.
19.07 Wieder ein Zug. Kommt, fährt. Die beiden sind weg.
Dienstag
16.00 Zwei Menschen warten schon vor dem Blumenladen. Wollen Blumen kaufen. Machen sie auch. Kaufen Blumen und freuen sich.
16.30 Zwei Jugendliche. Eine Sie, ein Er.
Sie: „Was passiert'n hier? Was soll'n das? Was kann man denn hier kaufen? Die Karten da?"
„Ja."
„Und was kost'n die?"
( Oh je. Wenn ich ihr jetzt sage, dass eine Blume fünf Euro kostet, wird sie blöken „Was, fünf Euro?!!" )
„Fünf Euro."
„Was, fünf Euro?!! Wieso das denn? Das sind doch ganz normale Karten."
„Das sind eben keine ganz normalen Karten!"
„Ein bisschen kleiner halt. Komm, wir gehen!"
Sie ist beleidigt, nimmt ihren stummen, doofen Begleiter und dampft ab.
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.08 Auf dem Bahnsteig gegenüber steht ein Musterexemplar Mensch. Verfaulte Zähne, Trainingsanzug, Bierflasche.
„Ey! Sorry!" ( Er meint mich. ) „Verkauft ihr auch richtige Blumen? Oder nur? Die aus Pappe?"
„Meinst du, ich brülle jetzt auch durch die Gegend, oder was?"
„Hä?"
„Komm halt her, wenn du was wissen willst."
„Äh. Nä. Sorry."
„Zug nach Warschauer Straße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.24 Gegenüber steht eine mittelalte, blonde Sekretärinnentusse. Sie richtet ihr Fotohandy auf mich und drückt ab. Dann macht das Gerät auch noch dieses gänzlich schwachsinnige Geräusch. Das elektronisch nachgeahmte Klicken oder Rattern eines altertümlichen Fotoapparates. So laut, dass ich es höre. Das Ding könnte auch das Knallen eines Pistolenschusses imitieren. Und ich würde hier tot vom Stuhl fallen. Und die Tusse tut als sei nichts gewesen.
17.50 Die dürre, braune Motz-Verkäuferin ist aus dem Urlaub zurück.
„Hallo."
„Hallo. Urlaub wieder vorbei?"
„Leider. Es war so schön. Traumhaft. Ich wollte gar nicht mehr zurück. Einfach traumhaft. Wir sind jeden Tag bestimmt zwanzig bis dreißig Kilometer gelatscht. Also, immer nur mit leichtem Gepäck. Wir hatten einen Standort und sind von dort immer wieder los. In alle Richtungen. Einfach traumhaft. Das einzige war bloß, dass wir von Zecken gebissen wurden. Und wir waren nicht geimpft. Aber nun ist's eh zu spät. Und die Inkubationszeit kann ja bis zu fünf Jahre betragen. Also, wenn man noch leben könnte wie früher, so mit Pilze sammeln und jagen, dann wär ich dort geblieben. Aber ist ja jetzt alles Naturschutzgebiet, jagen verboten. Ist ja auch ok. Soll ja für alle erhalten bleiben. Ich wünsch dir was."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
17.57 Fünf Jugendliche mit Bier und Zigaretten. Fußballfans. „Ööh!" „Ööhh!" „Ööhh!"
„Ey, das Ding hat ja auf. Zum ersten Mal. Ist doch kein Fake." „Haben Sie auch Rosen? Und was kost'n die?" „N'Träger kostet bei Kaufland zwei acht'nachtzig. Wenn Sie so was hier verkaufen würden, dann würde ich es kaufen. Würden Sie viel mehr Umsatz hier machen."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.51 Ein Mann. Rote Augen, kann kaum noch stehen.
„Sag echt, du kriegst die Dinger los?"
„Klar."
„Das ist ja ne Frechheit. Und der Topf ist dabei, ja?"
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Mittwoch
16.34 Eine dicke Frau mit schrägen Zähnen und fettigen Haaren steigt aus dem Zug und läuft vorbei.
„Das ist ne geile Idee. Ehrlich."
17.12 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet.
„Hör mal, hast du diese Ausgabe eigentlich schon? Sonst würd ich dir die nämlich schon mal als Zinsen da lassen. Aber, es wird. Du siehst ja, ich drück mich auch nicht. Tausend Vorstellungsgespräche, tausend Jobs in Aussicht, und was ist? Immer noch Motz verkaufen. Lief auch schon mal besser. Ich wünsch dir einen erfolgreichen Arbeitstag."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
18.46 Der Pfandflaschensammler mit der enorm dicken Nase im grauen Seniorenblouson. Dunkle Hose, braune Plastiktüte.
Donnerstag
16.20 Zwei Migrationsjugendliche auf dem Bahnsteig gegenüber.
„Was macht der denn da? Der hat bestimmt keine Freunde. Bei dem Zeug. Ey, tschuldigung! Haben Sie Freunde?"
„Zug nach Warschauer Straße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
16.35 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet.
„Ey, glaubst du das. Da verkoof ich eben meine letzte Motz. Für eins zwanzich, nicht eins fuffzich oder so. Und dann sagt die Frau zu mir, ob ich noch'n anderes Exemplar hätte, das sei ihr zu zerknittert. Ey, glaubst du das. Ich falte die halt zweimal. Schon wegen der BVG. Jetzt will se sich beim Verlag beschweren, sagt se. Ey. So, jetzt fahr ich nach Hause, mal was essen. Musste das nur erst mal loswerden. Schönen Tach noch."
17.33 Eine junge Frau. Jeansjacke, lange Haare.
„Verkaufen Sie hier auch Blumen?"
„Alle, die Sie sehen."
„Papierblumen?"
„Ja."
„Was für Menschen kaufen das denn?"
„Unterschiedliche."
„Und davon kann man leben?"
„!"
„Ja, es wundert mich. Ich wohne hier in der Nähe. Und ich komme immer hier vorbei. Ich hab den Laden noch nie offen gesehen. Heute das erste Mal. Da musste ich gleich mal fragen."
„Hm."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Freitag
16.15 Eine Mutter mit Kind.
„Was ist das denn hier?"
„Ein Blumenladen."
„Ein Blumenladen, ach was?"
„Ja."
„Und so ein Topf mit Blumen kostet drei fünfzig?"
„Ja, bestimmt."
„Ja?"
„Nein, natürlich nicht. Eine Blume kostet drei fünfzig."
„Eine Blume? Und an wen geht das Geld?"
„!"
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
16.43 Die rothaarige Motz-Verkäuferin, die mir noch fünf Euro schuldet. Gibt mir eine Hand voll Münzen und eine Motz.
„Was hältst du davon? Drei Euro und die Motz."
„Ist in Ordnung. Danke dir."
„Einen schönen Tag noch."
„Zug nach Uhlandstraße, einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte!"
Montag
Früher Nachmittag. Das Telefon klingelt. „Klein." Eine Frauenstimme: „Ja, äh, hier auch Klein. Ich rufe an wegen dem Blumenladen. Bin ich da richtig?" „Ja." „Gibt's den denn noch an der Möckernbrücke?" „Nein, jetzt nicht mehr. Freitag war der letzte Tag." „Oh nein! Das kann doch nicht sein. Ich wollte heute vorbeikommen. Blumen kaufen. Als Geschenk für heute Abend. Was mache ich denn jetzt?" „Tja, es wird bestimmt wieder einen Blumenladen geben, aber der an der Möckernbrücke ist jetzt weg." „Da muss ich mir wohl was anderes überlegen." „Ja."
der Blumenladen und die documenta zwölf
Vor ein paar Tagen habe ich im blog meiner Lieblingszeitschrift Balkon&Garten einen Text gelesen, Herrn Buergels Erklärungstext zur Plakatkampagne der documenta zwölf: „... Die fotografischen Motive der Plakate, allesamt Blumen aus dem Gewächshaus Wilhelmshöhe, sind mit einer defekten Kamera aufgenommen worden. Die Rasterung verdeutlicht nicht nur, dass wir das Sichtbare nur durch einen Schirm kulturell vermittelter Bilder wahrnehmen. Sie zeigt auch das ästhetische Eigenleben dieses Bildschirms. Das Motiv ‚Blume' macht einmal mehr klar, dass sich Schönheit und Dauer nicht vertragen. ..."
Ich finde, die Plakate sind hübsch und gelungen, gar keine Frage. Gefallen mir gut. Nur, dass der Text von Herrn Buergel haargenau und eins zu eins auch auf den Blumenladen passt. „... das Sichtbare nur durch einen Schirm kulturell vermittelter Bilder wahrnehmen ..." Davon rede ich seit knapp neun Jahren. Und inhaltlich könnte man auch früher ansetzen. Schließlich liefern schon die Augen und Ohren mediale Vermittlungen an das blinde und taube Ich.
Ich habe heute erstmal einen Brief an Herrn Buergel geschrieben, und ihm das erklärt. An Herrn Buergel, documenta, Kassel. Das sollte ja wohl ankommen. Und ich habe ihm vorgeschlagen, den Blumenladen als offiziellen documenta-Blumenladen aufzunehmen. Möglicherweise werde ich keine Antwort bekommen. Aber das ist wie mit dem Gras. Das Gras wächst und wächst. Und einmal die Woche kommt der Mann mit dem Rasenmäher und mäht das Gras. Das Gras könnte ja auch mal sagen: „Jetzt reicht's. Es ist sinnlos zu wachsen, ich höre jetzt einfach auf damit." Aber nein, es wächst einfach weiter.
Hurra, eine Antwort von Herrn Buergel!
„Sehr geehrter Herr Klein, im Namen von Roger M. Buergel bedanke ich mich für Ihren freundlichen Brief sowie die Informationen zum ‚Blumenladen'. Bezüglich Ihrer Anfrage, den ‚Blumenladen' als offiziellen documenta-Blumenladen aufzunehmen, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Kooperationen mit externen Partnern für documenta 12 nicht vorgesehen sind. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Mit freundlichen Grüßen, Y. B., documenta 12, Friedrichsplatz 18, Kassel."
Hurra, die Japaner kommen!
Gestern stand eine dürre, junge Koreanerin vorm Blumenladen. Teuer gekleidet, behängt mit hypermodernem Plastikschmuck und mehreren Einkaufstüten. „Darf ich fotografieren?" „Ja." Sie hat dann zwölf Minuten lang fotografiert, mit ihrer superteueren, ultramodischen, extremflachen, weißen Wahnsinnsdesignerdigitalkamera. Jede Ecke, jeden Winkel, jede Blume, jede Ritze. Wahrscheinlich kann sie jetzt den Blumenladen eins zu eins nachbauen, irgendwo in Asien.
Dann hat sie mir eine mail geschrieben. „Ich bin Song. Heute habe ich Ihrer Laden und Ihnen photografiert. Damit habe ich einen Text in mein Blog in Internet geschrieben. wenn Sie das gucken wollen, dann http://blog.naver.com/s2kism/60037377883 "
수요일. Mittwoch
U1 . 뭬켄브루케 역. U-Bahnhof Möckenbrucke. 사진을 찍기위해 전철에서 내렸다. Ich bin ausgesteigen zu photografieren .
" 사진 찍어도 될까요? " Darf ich photografieren?
" 네 " ja
" 당신두요? " Ihnen auch?
" 그러시죠 " Ja, gerne.
" 이 사진들은 당신의 작품인가요? " Ist das Ihres Werk?
" 네. " Ja
" 멋져요. " Schön
" 당신은 예술가인가요? 아님 그냥 꽃 파는 사람? "(이런 멍청한 질문을!)
Sind Sie Kunstler oder nur Blumenverkäufer? (es war ganz dümme Frage!)
" 하하, 난 사진을 찍어요. 그리고 이건 하나의 프로젝트예요. " Haha, Ich photografiere und es ist ein Projekt.
" 아, 그럼 당신은 사진가이군요." Auch so, Sie sind Photografer.
" 그렇죠. " ja.
예술가들은 항상 다르게 생각해. Kunstler denkt immer anders.
볼프 클라인 (이름은 '늑대'요, 성은 '작은'이라 : 작은 늑대)씨 꽃집
die häufigste Frage 가장 많은 질문
"Sagen Sie mal, davon können Sie leben?"
말해 봐요, 그것으로 생활이 가능한가요?
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베를린 꽃집 der Blumenladen in Berlin
베를린 그림
Der arme Herr Buergel, die documenta zwölf und der Blumenladen
Gestern hat sich der arme Herr Buergel ganz bitterlich beschwert. Er fühlt sich missverstanden und zu Unrecht beschimpft. Das kenne ich, das geht mir auch so. Da hat er mit ganz viel Arbeit eine ganz schöne Ausstellung aufgebaut. Das kenne ich, das hab ich auch. Und er ist so stolz darauf, und er würde so gerne ganz viel Lob und Anerkennung dafür bekommen. Das kenne ich auch. Und stattdessen wird er von allen nur kritisiert und beschimpft. Ich auch. „Papierblümchen? So ein Schwachsinn!" Jetzt hat er einen wütenden Text geschrieben, und alle beschimpft, die ihn beschimpft haben. Das mache ich demnächst vielleicht auch. Er hat geschrieben, dass seine Kritiker so viel Angst hätten, dass sie sich vor lauter Angst gar nicht öffnen könnten, um sich einzulassen auf sein Werk. Das kenne ich. Das geht mir mit meinen Kritikern auch so. „Drei fünfzig?! Wer soll das denn kaufen?!"
Jetzt sind seine Kritiker ganz fassungslos. Heute haben sie geschrieben, es sei doch ganz normal, dass der documenta-Leiter beschimpft werde. Und auf lange Sicht würde ihm das auch gar nicht schaden. Und der documenta-Leiter dürfe auch fast alles tun. Nur eins auf gar keinen Fall. Er dürfe niemals seine Kritiker beschimpfen. Niemals. Das sei ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er unfähig sei, dass er überfordert sei, und dass man den falschen Mann auf den Posten gesetzt habe.
Das denke ich manchmal auch. Vielleicht werde ich dem armen Herrn Buergel eine Blume schicken. Zum Trost.
Einhundertfünfzehn Tage U-Bahnhof - Für oder gegen die affirmative Umarmung
„Hallo. Ich möchte eine Blume kaufen."
„Die will der doch nicht wirklich für Geld verkaufen. Das sind doch Scheißblumen."
„Nur mal eine Frage, bei Euch kann man nicht zufällig mit EC-Karte bezahlen?"
„Es sieht sehr schön aus."
„Das ist ja toll. Das ist ja toll. Schade, dass ich jetzt gerade keine brauche, aber das ist ja toll. Viel Erfolg. Auf jeden Fall."
„Die kann ich doch zu Hause selber machen."
„Ich möchte sechs von den Schnittblumen, bitte."
„Ah, Konzeptkunst."
„Das ist aber schön."
„Rechnet sich das?"
„Ich nehme drei von denen. Aber, kriege ich die denn auch mit ins Flugzeug?"
„Eine Blume nur fünf Euro. Aber das ist doch die totale Verarsche."
„Boah, echte Blumen. Boah, die duften ja so gut."
„Und, läuft das Geschäft?"
„Was ist denn so schön daran?"
„Schämen Sie sich denn nicht? Hat jemand was Hartes, dem schmeißen wir die Bude ein."
„Das ist so schön. Was kriege ich denn für sieben Euro?"
„Ha, ha, ha. Ist lustig, die Installation. Doch, doch."
„Das muss man sich merken. Sowas habe ich noch nie gesehen."
„Verkaufen Sie viel? Also, kommen hier oft Menschen her?"
„Fünf Euro? Für Papierblumen?"
„Sollen wir noch ein paar Blumen mitnehmen? Ha, ha, ha."
„Hallo, ich hätte gern so eine Blume."
„Und läuft das Geschäft gut? Zufrieden? Das ist schon cool."
„Haben Sie auch echte Rosen hier, oder wie?"
„Das muss aber viel schicker sein, damit man das kauft."
„Plastikblumen. Ha, ha."
„Kauf doch deiner Freundin ein paar Blumen. Ha, ha, ha."
„Das ist ja ne witzige Idee."
„Was ist das denn? Unglaublich."
„Fünf Euro für ein Foto. Das ist ja ein stolzer Preis."
„Ich möchte gerne ein Foto machen. Darf ich?"
„Das ist sehr schön."
„Ich kaufe jetzt eine Blume. Ich möchte eine weiße Tulpe. Hast du weiße Tulpen?"
„Riechen die denn?"
„Gibt's hier Blumen?"
„Das sieht total schön aus."
„Und, lohnt es sich?"
„Ich finde die Idee super."
„Das sind doch keine Blumen."
„Witzige Idee. Geil."
„Ich finde das eine sehr schöne Idee."
„Das ist so schön bunt hier."
„Excuse me. Do you sell real flowers?"
„Ey, das ist so ein Schwachsinn."
„Kauft das denn jemand?"
„Boah, das ist der beste Blumenladen, den isch je gesehen hab."